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| Friedrich Hofmann: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Einundzwanzigster Band | |
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ihnen den erquickenden Honig zu sondern. Sie lehrte in Beispielen, die sich in den Dienst jedes Zweckes fügten, bis es nach unsäglichen Mühen gelungen war, aus ihnen die Grundwahrheiten emporzuheben, auf welchen glückliche Völker die Baue der Freiheit errichten konnten.
Das schärfste Gift aus jenen Blumen zog die Herrschsucht und bereitete daraus das wirksamste Mittel ihrer Macht: sie erfand den Krieg und mit ihm die Feindschaft der Nationen. Diese Feindschaft galt fortan als ein unumstößliches Naturgesetz. Vergeblich rangen erleuchtete Geister nach der Herrschaft besserer Einsicht; vergeblich zeigten sie auf die Natur hin, wie selbst bei Thiergeschlechtern die angeborene Feindschaft durch Erziehung zu mildern und zu überwinden sei; vergeblich wiesen sie nach, wie es nur der Ausbildung der edlen Gaben des Menschen bedürfe, um die bestialische Lust am Rohen, am Morden und Zerstören zu ersticken; vergeblich stellten sie das erhabenste Bild der Einigkeit im Streben nach dem wahren Glück der Menschheit dar; vergeblich zeigten sie, wie der Stern der Wahrheit und Freiheit allen Nationen in demselben Lichte glänze; vergeblich riefen sie endlich die Religion um Hülfe in ihrem hoffnungslosen Kampfe an: die Herrschsucht ward auch des Glaubens Herr und verwandelte ihn in die gefährlichste und häßlichste aller Waffen und Ketten der Knechtschaft. Wer schreibt das Buch der wahren Märtyrer? Stellt nur ihre Denksäulen auf an den Pfaden durch die Länder, und die Gegenwart wird schaudern über den entsetzlichen Reichthum!
Die Feindschaft der Nationen wird bestehen, so lange es Tyrannen auf Erden gibt. Und Tyrannen werden bestehen, so lange jene Blindheit in den Massen erhalten wird, die ihnen das Gängelband zum Bedürfniß macht.
Die Einigkeit der Nationen wird nur möglich durch Bildung und Freiheit, deren Mutter die Wahrheit ist. Nur wo die Wahrheit unverhüllt und ungefesselt einhergehen darf, da führt sie ihre Kinder in das Leben ein, und die Feindschaft der Nationen wird verschwinden überall, wo nicht die Hand falscher Priester religiösen Haß in den Mantel der Nationalität hüllt.
Die Geschichte solcher Siege der Bildung würde ein herrliches, aber ein sehr kleines Büchlein füllen. Sie hätte die höchsten gleichzeitigen Blüthen einzelner Völker zu sammeln. Wir wollen uns begnügen, mit unserm Bilde in der Hand wenigstens auf ein Fleckchen Erde hinzuweisen, auf welchem vor unsern Augen der Beweis geliefert ist, daß Nationen, die, Dank der gekrönten Gewalt, die feindseligsten in Europa’s Mitte gewesen sind und ihr Blut in unzähligen Schlachten vergossen haben, unter dem Hute der Freiheit einträchtig neben und mit einander leben können:
„Als Demuth weint’ und Hochmuth lacht’,
Da ward der Schweizer-Bund gemacht“–
und dieser ist es, dessen wunderbaren Aufbau und große Bestimmung gerade in unseren Tagen jeder Freund des Lichts so werth halten muß.
Friedrich Hofmann: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Einundzwanzigster Band. Bibliographisches Institut, Hildburghausen 1860, Seite 5. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_21._Band_1860.djvu/15&oldid=- (Version vom 14.1.2026)