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| Friedrich Hofmann: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Einundzwanzigster Band | |
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Der ganze Katarakt wird durch eine kleine waldige Felseninsel, die sich aus dem Strom unmittelbar bei seinem Falle erhebt und Goat-Island (Ziegeninsel) heißt, in zwei ungleiche Hälften getheilt. Der stärkere Strom ist der auf der Canadaseite. Tobend und schäumend schießt das Wasser auf der geneigten Fläche vorwärts und fällt endlich, am Ende der Insel, 160 Fuß tief in einen Felsenkessel nieder, dessen weites Halbrund von einem Ende zum andern 1600 Fuß mißt. Dies ist der große canadische oder Hufeisenfall (Horseshoefall). Auf der amerikanischen Seite hat sich der Strom in mehre Arme getheilt, die brausend und pfeilschnell um und durch die Insel eilen, und zuletzt nahe bei einander von gleicher Höhe herabstürzen. Mit dem Hauptstrom fallen sie jedoch nicht in gleicher Linie, sondern in einem fast rechten Winkel und kehren so ihre ganze Breitseite von 800 Fuß dem jenseitigen Ufer zu. Die Breite der Insel zwischen beiden Fällen beträgt 1500 Fuß, so daß man vom äußersten Ende des amerikanischen Falles bis zum Ende des Hufeisenfalles eine weitgekrümmte Linie von ungefähr 4000 Fuß mißt.
Der Totaleindruck, den die Niagarafälle, von einem geeigneten Punkte aus betrachtet – wir wählen Cliftonhouse, ein großes Hotel auf der Canadaseite, dem „großen Falle“ gerade gegenüber – machen, ist der der Grandiosität, verbunden mit einer unbeschreiblichen Lieblichkeit, die trotz aller Gewalt und donnernden Größe den vollen Zauber der Schönheit über das Ganze verbreitet. Mit unglaublicher Hast sieht man das Wasser heranschießen; dem Sturze nah sammelt es sich in einen einzigen festen Strom; auf der Kante scheint es zu stocken, als zaudere es, den Sprung zu wagen; dann senkt es sich mit stolzer Majestät und doch mit einer unendlich anmuthigen Bewegung steil hinunter in die Tiefe. So hat die Natur wie überall über ihre gewaltigsten Gebilde, über die Gletscher am Alpenjoch, über die Bergriesen der Jungfrau und des Montblanc, auch über den ungeheuern Sturz des Niagara noch ein Lächeln ihrer Anmuth gegossen, und je länger man in seiner Nähe weilt, um so gewisser zieht mit dem Gefühl des Feierlichen und Erhabenen, daß den Beschauer nie verläßt, ein heiterer Friede, eine poetisch-frohe Stimmung in die Seele.
Ueberraschend ist die Leichtigkeit, mit welcher man allen Theilen des Niagarafalles sich nähern kann. Sonst sind Gegenstände übermäßiger Größe und Erhabenheit in der Natur so oft in unnahbare Abgeschiedenheit gerückt oder nur mit Anstrengung und Gefahr ist ihnen beizukommen. Wohl haben Menschen auf dem Gipfel des Montblanc gestanden, aber es war die Heldenthat kühnen Wagnisses und unsäglicher Anstrengung und kann nie Sache der Alltäglichkeit werden. Der Niagara dagegen ist bei aller Ungeheuerlichkeit zugänglich wie der Bach, der durch unsern Garten fließt; von allen Seiten, in der Höhe wie in der Tiefe, kann man ihm nahen; ja selbst unter dem Wasser gestattet er Zutritt. Daher die vielen reichen Einzelpartien, in die das Gebiet seiner Katarakte zerfällt, und die mehre Tage zu einem auch nur flüchtigen Genuß erfordern. Den vornehmsten derselben
Friedrich Hofmann: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Einundzwanzigster Band. Bibliographisches Institut, Hildburghausen 1860, Seite 140. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_21._Band_1860.djvu/150&oldid=- (Version vom 18.1.2026)