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wollen wir hier unsern Besuch abstatten. Im Allgemeinen hat die amerikanische Seite der Fälle mehr Abwechselung und Mannichfaltigkeit, dagegen bietet die englische einen obgleich immer gleichmäßigern, doch auch immer gleich erhabenen Anblick. Man sieht von hier aus die Fälle stets in ihrer vollen Breite, während sie sich drüben, auf dem jenseitigen Ufer, sei es oben oder unten, immer nur von der Seite dem Beobachter darstellen.

Wir verlassen Cliftonhouse und folgen einem steilen Pfad hinab zum Strom unterhalb der Fälle. Ein Dampfer führt von hier zum andern Ufer. Wir ziehen jedoch vor, uns eine gute Strecke unterhalb des Falles in einem kleinen Boote in die auch da noch vielbewegten Wellen zu wagen. Wie eine Nußschale wird unser Fährniß in dem brodelnden Kessel hin und hergeschleudert, jeden Augenblick droht das wilde Element uns zu verschlingen oder an die Uferfelsen zu schleudern. Aber furchtlos halten wir das Steuerruder fest und gelangen glücklich in des Stromes Mitte. Hier, tief zu den Füßen der Fälle, von den Wogen geschaukelt, stellt sich uns das ganze Landschaftsbild in erschreckender Größe dar. Wir befinden uns in einem tiefen Felsenthal, zu beiden Seiten zerklüftete Felswände von 160 Fuß Höhe, vor uns der große Hufeisenfall. Rechts an der englischen Seite starrt das nackte finstere Gestein; diesem links gegenüber, auf Amerika’s Seite, ist die Felswand wie mit einem breiten weißen Schleier durch den andern Fall verhangen, der, näher betrachtet, sich noch in verschiedene Ströme dicht neben einander zertheilt. Zwischen diesem und dem Hufeisenfall, dessen glänzende Wasserfluthen wie von der Hochebene eines Gebirgs herabströmen, sieht man die vordere Seite der grünbewaldeten Ziegeninsel, an deren äußerstem Ende nach dem großen Falle zu, mitten im Wasser, jedoch durch eine Brücke mit der Insel verbunden, ein steinerner Thurm sich erhebt. Hoch auf beiden Ufern erblickt man nichts als Waldesgrün, aus dem Gasthöfe, Mühlen, Landhäuser und hundert andere Gebäude wie weiße Thürme auf Berges Höhe emporragen. Der amerikanische Fall links prasselt auf gewaltige Felsblöcke herab; der große Hufeisenfall dagegen scheint in eine tiefe Kluft hinein zu stürzen. Zwischen beiden und von einem Ufer zum andern schäumt und brodelt die wildeste Fluth, und dicht vor den Fällen wogt und rollt hin und her ein Wolkenknäuel, der oben in der Luft wie durchsichtiger grauer Dunst, unten über dem kochenden, Schaummassen aufschleudernden Wasser wie dichtgeballter hellweißer Nebel erscheint. Und über all den schäumenden, tobenden, brausenden, zischenden und gischenden Wogen schwebt, wie ein Zeichen des Friedens, ein weit geschwungener Regenbogen; jede Sekunde droht ihn der Wolkendunst aufzulösen und vermag ihn doch nur feuriger anzufachen. – Auch ein niedlicher Dampfer fährt den Strom hinauf bis nahe an die Fälle hinan und die Fahrt auf demselben gewährt denselben Genuß. Nur dringt man noch weiter vor in den Nebeldunst und Wellenschwall und sieht sich zuletzt in Wolken, Wasser und Wogengebrüll ganz verloren. Wenn dann ein Windstoß die Nebelwolken zertheilt, dann sieht man auf einen Moment die glänzende Mähne des Niagara hoch oben schimmern – ein wunderbarer Anblick!