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| Friedrich Hofmann: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Einundzwanzigster Band | |
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denn ein falscher Tritt hätte uns in den Abgrund gestürzt. Endlich ließ das stürzende Wasser keinen Durchpaß mehr. Da standen wir nun, mit den Händen uns am Gestein haltend, das Gesicht der ungeheuren, dicht vor der Nase wirbelnden Wasserwand zugekehrt. Der Athem wurde mir beklemmt und wir gingen etwas rückwärts, einen breitern Platz zum Stehen suchend. Streckt man die Hand oder den Stock hinein in den stürzenden Wasserschwall, so werden sie von ihm gewaltsam niedergeschlagen. Man steht offenbar auf einem vorspringenden Felsrande, vor und unter welchem sich noch ein weiterer Kessel aushöhlt, in den das Wasser fällt, sonst müßten die Wogen da, wo sie niederprasseln, stärker zurückprallen. Das Gestein an der Felswand hinter dem Wasser ist ziemlich locker und ich schlug mir mit leichter Mühe Stücke zum Andenken ab. Als wir endlich wieder an die freie Luft kamen, fühlte sich die Brust erleichtert und holte tief Athem. Es war mir, als wäre ich erst jetzt mit dem alten Niagara vertraut geworden.“ – Ein Seitenstück dazu ist auf amerikanischer Seite die sogenannte Windhöhle, eine Felsengrotte unmittelbar unter den Fällen, zu der man von Goat-Island aus auf hölzernen Treppen gelangen kann. Wagnisse dieser Art sind es, welche die Eindrücke des Niagara, die Größe und Majestät seines Bildes in der Ferne und in der Erinnerung wesentlich erhöhen.
Aber noch ist uns von diesem Bilde ein bedeutender Zug unbekannt: die Stromschnellen oberhalb der Fälle. Sie allein schon hätten den Fluß weit und breit berühmt gemacht. Sie entstehen, indem die ungeheure Wassermasse des breiten Stromes auf der schiefen Ebene, die, je näher dem Falle, um so mehr sich neigt, mit rasendem Ungestüm über die scharfen Felsblöcke dahintost, und von diesen in Strudel, Wirbel und Kreisel, in Schaum und Gischt gepeitscht und zerrissen werden. Die Hauptschnellen finden sich zwischen Goat-Island und dem amerikanischen Gestade, von wo mitten durch die Schnellen eine Brücke nach der Insel führt. Auf dieser Brücke zu stehen und hinein zu schauen in die unabsehbare, ruhelos wogende Wasserfläche, hinein zu horchen in das endlose Klingen und Rauschen der Fluthen, ist ein erhabener Genuß. Es ist, als hätte den Strom hier eine Ahnung seines Falles gepackt. Im tollsten Jubel kommen die Wogen herangeschossen, wie unbändige Riesenrosse mit fliegenden weißen Mähnen, schäumend, brüllend, hochaufsprühend. An einigen Stellen beharren die Wirbel und brechenden Wogenkämme mit dumpfem Gurgeln; die andern stürzen in wildem, verzweifeltem Drange weiter. Nur mit dem stürmenden Meer ist dieses Schauspiel zu vergleichen, und wie dieses gibt es eine Ahnung des Unendlichen, des uferlos ewig wallenden Weltalls.
Aber das Erhabene nicht allein, auch die ganze Lieblichkeit des Niagara häuft sich um diese Stelle, um Goat-Island. Schau das Grün der Bäume, deren Zweige am Rande des kleinen Eilands friedlich sich schaukeln über den rasenden Wellen; schau die stillen, heimlichen Plätzchen im östlichen Theile der Insel oder die schattigen Buchten auf der Südseite, wo unter dichtem Laubgewölbe der Strom sich einen engen Durchlaß gegraben hat;
Friedrich Hofmann: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Einundzwanzigster Band. Bibliographisches Institut, Hildburghausen 1860, Seite 145. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_21._Band_1860.djvu/155&oldid=- (Version vom 18.1.2026)