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| Friedrich Hofmann: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Einundzwanzigster Band | |
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Pater Hennepin, ein spanischer Missionär, brachte zu Ende des 17. Jahrhunderts der Welt die erste Kunde vom Niagarafall. Jetzt ist die Umgebung mit Ansiedlungen aller Art reich gesegnet, besonders mit Gasthöfen, die den großartigsten Naturgenuß mit allem Comfort des Lebens zu verbinden möglich machen. Auch an Fabriken und Werkhäusern fehlt es bereits nicht. Im Uebrigen ist die Umgegend ohne Interesse. Das amerikanische Städtchen an den Fällen, eigentlich Manchester, gewöhnlich aber schlechtweg Niagara-Falls genannt, wurde 1809 angelegt. Es enthält eine Menge von Geschäften, Verkaufsläden, Werkstätten und Mühlen und läßt ganz das erregte amerikanische Leben und Treiben erkennen im Gegensatz zu dem gesetzten und ernsten Wesen der canadischen Bevölkerung am jenseitigen Ufer.
Interessant ist die Frage um die Zukunft des Niagarafalles. Da nämlich die einschneidende und spülende Thätigkeit des Wassers, welche bereits die tiefe Schlucht ausgegraben und den Kataraktum so viel dem Eriesee näher gerückt hat, unausgesetzt fort geht, so ist der Zeitpunkt unausbleiblich, in welchem der Strom sein Bette bis hinauf zu seinem Ausflusse ausgebrochen hat und zwischen dem Erie- und Ontariosee nichts mehr übrig ist, als eine lange tiefe Schlucht, in welcher die ungeheure Wassermasse schnell vorwärts drängt. Die Menschen werden dann in den Büchern lesen von der Herrlichkeit der Niagarafälle und sich die Stellen zeigen, wo vor Zeiten der Strom hinabstürzte; aber sie werden sich selbst des gewaltigen Schauspiels nicht mehr erfreuen. Nun, in unsern Tagen wird dieses Ereigniß nicht eintreten, auch nicht in den Tagen unserer Kindeskinder. Der Geolog Lyell berechnet, auf vielfältige Beobachtungen gestützt, daß der Strom, um zu jenem Ziel zu gelangen, 75,000 Jahre brauche, wie er 35,000 Jahre gebraucht habe bis zu seinem jetzigen Standpunkt. Nach den Meinungen andrer Naturforscher sind selbst diese Zeitraume noch viel zu gering angegeben. Tausende und aber Tausende von Generationen werden also noch ungeschmälert dieses prächtigste Naturschauspiel genießen können, und die majestätische Stimme des Niagara wird forttönen und – hoffen wir, nie ein Prediger in der Wüste – sein „Vorwärts“ hineindonnern in die Lande und in die Herzen der Menschen.
Friedrich Hofmann: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Einundzwanzigster Band. Bibliographisches Institut, Hildburghausen 1860, Seite 149. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_21._Band_1860.djvu/159&oldid=- (Version vom 18.1.2026)