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| Friedrich Hofmann: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Einundzwanzigster Band | |
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Der Zustand dieses Alpenvolks ist eine Trauer für ganz Deutschland. Denn wenn irgendwo im Bauer ein gesunder Kern zu finden, so war dies in Tirol. Hier mußte nicht, wie in vielen anderen Theilen Deutschlands, spät erst das Joch der Leibeigenschaft und anderer Knechtschaft abgeschüttelt werden, frei saß der Mann auf seinem Eigen, die Pflicht der Landesvertheidigung erhielt ihn wehrhaft und gab ihm das rechte Bewußtsein der selbstständigen Kraft, er verschaffte seinem Stande Achtung und war stolz auf ihn. Legt man zu dieser innern bildungsfähigen Selbstständigkeit ein frisches, kräftiges Volksleben, mit Allem ausgestattet, was dazu gehört, mit sinnigen Ueberlieferungen, schönen Gebräuchen, heitern Festen, so kann man leicht der Ansicht werden, daß der Tiroler Bauernstand viele Aussicht hatte, ein Musterschlag zu werden, wenn man zu rechter Zeit seiner vernünftigen Entwickelung ihren Weg gelassen, seine geistigen Kräfte gefördert, seinen Bildungstrieb entfaltet hätte. –
Von alle Dem geschah das Gegentheil. – Man überlieferte dieses so glücklich begabte Volk einer Priesterschaft, die in ihrer geistigen Armseligkeit sich zu keiner höheren Ansicht zu erheben vermochte, als der: daß das ganze reiche Volksleben in Tirol ein Verderbniß sei. Der Spruch „Ora et labora“ sollte fortan die ganze Lebensregel für das Volk enthalten, aber in der Verdeutschung: „Arbeite und bete, alles Andere ist vom Uebel“.
Es ist für ganz Deutschland eine gerechte Klage, daß eine lange Zeit hindurch für die Verkümmerung des geistigen Lebens unseres Landmannes zu viel gethan wurde, und es ist dies nicht Alles auf das priesterliche Kerbholz zu schreiben. Auch das weltliche Regiment half dazu, und am ungünstigsten wirkte in dieser Richtung die Einführung eines fremden Rechts. Sein Recht, selbst mit ein Urtheilsprecher zu werden, und seine Pflicht, das Recht mit zu wahren, mußte er hingeben an den Zwang, fremden Richtern blind zu gehorchen; zu dem blinden Gehorsam gesellte sich aber die schlimmste Zugabe: daß der Bauer keine Idee mehr hat von den Gesetzen, unter denen er lebt, und jedem Schreiber anheim gegeben ist, der ihn ausbeuten will. – Mit der edlen Gewohnheit des Volks, die Ueberlieferung seines Rechts zu hüten, ging auch die Sorge um andere Ueberlieferung verloren, namentlich um die der Sagen und Geschichten der Vorfahren und all der reichen Schätze der Volkspoesie, die in alten schönen Sitten und Gebräuchen wurzelte. Hier riß man viel Herrliches mit der Wurzel aus, um das verödete Feld des Volkslebens für immer brach liegen zu lassen. Es hat viel Mühe gekostet, den Bauer, der einst so gut wie der Edelherr der Träger der geistigen Errungenschaft der Nation war, hinab zu drücken bis zu der Stufe der Beschränktheit in allen geistigen Dingen, auf welcher er so lange stand und in vielen Ländern noch steht.
Kehren wir von dieser allgemeinen Bemerkung zu unserm Tirol zurück, so finden wir sie gerade hier am meisten bestätigt. Dort ist Alles, was außerhalb der Kirche liegt, von gar keinem Werth, und die Sinnigkeit
Friedrich Hofmann: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Einundzwanzigster Band. Bibliographisches Institut, Hildburghausen 1860, Seite 167. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_21._Band_1860.djvu/177&oldid=- (Version vom 19.1.2026)