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des Volkslebens gilt für sündhaft. Erst begann dort die „Aufklärung“ ihr Zerstörungswerk gegen all die heidnischen Sagen und Geschichten. Dann kehrte man sich eben so feindlich gegen alles Eigenthümliche in den Sitten und Gebräuchen. Hier wie dort trifft diese Volkserziehung der Vorwurf mit Recht: aus der Physiognomie des Landes viele schöne Züge weggestrichen zu haben. Aber das ist noch lange nicht das Schlimmste. Die Geistlichkeit verlangt, nachdem die Aufklärung das Ihrige gethan, mehr: das Tiroler Volk soll von allem Irdischen abgewendet und aller Lebensfreude entwöhnt werden. Man predigt im ganzen Lande gegen das Sündhafte weltlicher Freuden, deren vorübergehender Reiz mit langen Jahren im Fegefeuer, mit höllischen Flammen und unter den Martern der Teufel abgebüßt werden müsse, man verbietet der Jugend des Landes, sich an der süßen Wehmuth der Zither zu erfreuen, man sagt dem Bauern, seine Lieder, selbst die unschuldigsten, seien dem Seelenheil gefährlich, man hat fast überall im Lande den Tanz verboten – so prahlt jetzt mancher Pfarrer in Tirol, daß man in seinem Sprengel außer der Kirche das ganze Jahr hindurch keine Geige höre. Selbst bei den Hochzeiten hat eine lautlose Völlerei die heitere Fröhlichkeit von ehemals verdrängt. Das alte, frische, saftige Leben, Kraft, Regsamkeit und freudiges Selbstgefühl werden zum größten Theile dahin gegeben, um stumpfer Ruhe und gedankenloser Abspannung die Stelle zu überlassen; es ist darauf abgesehen, daß der „lustige Tirolerbue“ bald anfange, eine Fabel zu werden.

Aber gelingen wird es dennoch nicht, weil es nicht gelungen ist, alle Fenster gegen Deutschland zu verrammen, denn von dort dringt mancher Lichtstrahl störend in das Priesterwerk des Alpenlandes ein. Es konnte den helleren Köpfen im Volke nicht entgehen, daß vor dem zunehmenden äußeren Gottesdienste, vor den das gesammte öffentliche Leben beherrschenden Wallfahrten und Prozessionen, Andachten und Missionen die Schule nützlicher Bildung verkümmere, daß Schreiben und Rechnen vor Katechismus und Gebetlein zurücktreten müssen; und immer mehr bricht sich in dem jüngern, strebenden Geschlecht die Ansicht Steub“s Bahn: erstens, daß sich ein Volksleben, daß sich Bildung und Entwickelung durch den Kirchendienst, durch Andacht und Frömmigkeit nicht ersetzen lassen, und zweitens: daß auch hinsichtlich Tirols die Regierung am besten thäte, sich mit der Intelligenz der Zeit aufrichtig zu verständigen. Erst wenn nicht mehr das priesterliche Wort gilt: „daß man ohne die da draußen in Deutschland am besten fortkomme“, – wenn nicht mehr der wahre Freund unseres Alpenvolks unter Schillers „Auf den Bergen wohnt Freiheit“ den Seufzer setzen muß: „Ja, aber so hoch oben, wo der Mensch nicht mehr fort kommt“; – wenn nicht jeder neue politische Schritt vorwärts von Seiten der Gebildeten durch die Priester dem Volke als religionsgefährlich verdächtigt werden kann; – wenn nicht mehr vom Volke in jedem Gebildeten ein „Herrischer“ gehaßt wird; – wenn die Bauern nicht mehr (wie noch 1849) gegen Konstitution und Preßfreiheit gestimmt werden können, weil das nur „ein Profit für die