Seite:Meyers Universum 21. Band 1860.djvu/179

Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal korrekturgelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig.

Herren“ sei; – und wenn nicht mehr die Tiroler in Kriegsgefahr (wie 1859) schmollend und bedingungsweise für ihren Kaiser zur Waffe greifen: erst dann wird auch die Lebenslust wieder frei einher gehen zwischen den Bergen, sie wird die verdüsterten Herzen besser, die Augen heller machen, den Ruhm der Helden von „Anno Neun“ wird nicht mehr der Schimpf der Enkel besudeln, und ganz Deutschland wird sich wieder seines lieben, treuen, biedern Tirols freuen, wo jede Lippe für deinen Gruß keine Klage mehr hat, sondern das frohe Wort: „Es geht jetzt alm besser!“ –


Kommen wir aber endlich zu Innsbruck selbst, dem Oenipontium der Alten! Sein Aeußeres kennzeichnet es sogleich als ehemaligen Sitz regierender Fürsten und Lieblingsort eines wohlgehaltenen Priesterthums. Schlösser und Kirchen sind der Hauptschmuck der Stadt. Zur Rechten des Inn liegt die Altstadt, die uns ganz das ehrwürdige Bild einer alten Stadt bietet: schmale hohe Giebel, vorspringende Erkerfenster, reicher plastischer Schmuck verleihen den Gebäuden den Charakter altpatriarchalischer Wohnlichkeit und anmuthiger Gemüthlichkeit. In der Bauweise der Neustadt dagegen macht sich moderner, italienischer Einfluß geltend, und sind die meisten Straßen in stattlicher Breite angelegt. Die Neustadt und die Kohlstadt sind mit der Altstadt durch mehre Brücken verbunden, deren jede dem umschauenden Wanderer ein freundliches Bild entrollt: vor seinen Augen laufen an beiden Ufern des Inn, in welchen hier der Sillbach einströmt, die Reihen heller Häuser und voller Baumgruppen dahin, während über all die Dächer und Thürme empor die Wächter des Thals ragen, die Bergriesen, auf deren Häuptern in 7- bis 8000 Fuß Höhe oft noch im Juni der Schnee in der Sonne glitzert.

Ein Gang durch die Straßen bietet dem Freunde der Kunst und Geschichte des Anregenden genug. Bald stehen wir vor Denkmälern, die uns in der That zu denken geben, wie die Triumphpforte mit den Brustbildern der Maria Theresia, ihres guten Franzl und ihres Sohnes Joseph, der trotz allerlei noch immer die alte Liebe Oesterreichs ist. In der Mitte zwischen zwei Brunnen erhebt sich die ebenfalls aus carrarischem Marmor errichtete Annensäule, und auf dem großen Rennplatz (in der Altstadt) reitet der Erzherzog Leopold V. auf seinem ehernen Pferde. Ein Tiroler, Kaspar Gras, hat die Statue geformt und Heinrich Reinhard sie in Erz gegossen, Alles zu Anfang des 17. Jahrhunderts. In zahlreicher Versammlung finden wir die ehernen Herren in der Hofkirche zum heiligen Kreuz (Franziskanerkirche). Hier hat die Kunst fleißig gearbeitet, freilich, wie in allen alten Dynastensitzen, vorzugsweise im Dienste fürstlicher Eitelkeit. Den Kirchenbau (1553 bis 1563) leiteten Nikolaus Thuring und della Bolla, an Kaiser Maximilians I. berühmtem Monument (sein Leichnam ruht in wienerisch Neustadt) ist die Erzstatue des Kaisers von L. del Duca, die 24 Basreliefs sind von Alexander Collin aus