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| Friedrich Hofmann: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Einundzwanzigster Band | |
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Das neue russische Kaiserreich ist erst 170 Jahre alt, also nur 94 Jahre älter, als die gleichmächtige nordamerikanische Republik. Beide Staaten hielten im Wachsthum gleichen Schritt. Das Wachsthum der Republik zog seine Hauptnahrung aus der Einwanderung, die strebsamen fremden Arme verbanden sich mit den im Lande geborenen „Bürgern zweier Welten“, und so entstand, durch die Wallgräben der Meere geschützt gegen die Despotien und Monarchien des Aufgangs und des Niedergangs, das erste Wunder der letzten hundert Jahre, das mächtigste Staatsbollwerk für die bürgerliche Freiheit. – Auch in Rußland sehen wir fremde Kraft am Hebel der Macht. Peter, für Rußland der Große, nahm diese fremde Kraft zuerst in Dienst: es war die des deutschen Geistes.
Obwohl in Sitten selbst ein roher Geselle, hatte Czar Peter doch Scharfblick und Energie im rechten Grade, um mit der Nothwendigkeit zugleich den nächsten Weg der Kultivirung seines Volkes zu erkennen: er öffnete sich mit dem Schwerte des Eroberers die Bahn zum Meere, um mit den kultivirten Nationen des Abendlandes in unmittelbare Verbindung zu treten, ließ sich am Meere nieder, zog die Deutschen als Baumeister, Handwerker und Lehrer seiner Russen herüber, gründete in Petersburg die erste rein europäische Stadt seines damaligen Reichs, in welchem allenthalben noch das asiatische Gewand das alleinherrschende war, und ebnete den Boden für seine neue Pflanzung.
Dieses Ebnen für die Kultur war es aber, was ihn mit der Nationalität in Zwiespalt brachte, denn um jene zu fördern, glaubte er diese unterdrücken zu müssen. Und er that dies nach Despotenart und begann mit der Bildung des Menschen von außen: er ließ seinen Russen Bärte und Röcke stutzen. Und da es in der großen Masse des Volks bei diesem Abschnitt der Kultur verblieb, so hatte Peter hier die Liebe zum Nationalen mit der Erkenntniß desselben erst geweckt und die fremde Bildung um allen Kredit für die Zukunft gebracht. Nur in Petersburg prägte der neue Geist der Regierung sich auch dem Leben ein, Militär und Beamtenthum wandelten im fremden Schnitt, die bürgerlichen Gewerbe hatten fremde Vertreter, und Peters Zuchtruthe gewöhnte die aus dem Innern Rußlands massenhaft herbeigezogene Arbeiterbevölkerung an seine Civilisationsgebote. Petersburg ward die Fremdenstadt des Reichs.
Die Opposition liegt in der Menschennatur, kein Tyrann kann sie vernichten, auch die Macht der Czaren und ihres strahlenden Hofes vermochte den widerstrebenden nationalen Geist des Russenthums nicht zu bändigen: er fand seine Vertreter im alten Adel des Reichs und seinen Sitz in der alten Metropole Moskau, das fortan sich im Gegensatz zu Petersburg erst recht gefiel: es blieb die National-Hauptstadt der Russen. – Wie in Deutschland, so wurde auch in Rußland das nationale Streben gerade durch die provocirende Begünstigung des Ausländischen entfacht, aber nicht vom Volke konnte eine solche nationale Bewegung ausgehen, sondern nur vom Adel. Hatte nun auch stets eine russische Partei am Kaiserhofe einigen Boden, so scheint doch erst seit den Franzosenkriegen
Friedrich Hofmann: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Einundzwanzigster Band. Bibliographisches Institut, Hildburghausen 1860, Seite 178. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_21._Band_1860.djvu/188&oldid=- (Version vom 20.1.2026)