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| Friedrich Hofmann: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Einundzwanzigster Band | |
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neue Kaiserkrönung feiern sah. Wir beschränken uns jedoch auf eine Erläuterung unseres Bildes; zum Führer durch die zahllosen inneren Räume und Herrlichkeiten, Kirchen und Sammlungen etc. bietet sich dem Leser unter vielen Reisebeschreibern auch unser Reisevirtuos Kohl.
Im Mittelpunkte von Moskau, zwischen der Moskwa und der Neglina und bei deren Vereinigung, erhebt sich ein Hügel und auf ihm die Burg oder Festung (tatarisch Kreml oder Kremlin) der Hauptstadt. Der Kreml hat die Form eines Dreiecks und den Umfang von einer Wegstunde. Wir laden unsere Leser auf die Moskwa-Rekoi-Brücke ein und lassen von unserem Führer uns den Prospekt erklären, der sich da vor uns aufthut. Wir folgen dem Führer mit unseren Augen „bis zur Spiegelfläche des Wassers. Sie bildet die unterste Linie. Aus ihr und von Wellen umspült steigt der mit Felsen umgürtete Kai der Uferstraße als feste Basis des Ganzen hervor. An diesem Uferrande läuft eine belebte Straße hin, die mit grünem Buschwerk und Bäumen besetzt ist, und darüber erhebt sich die hohe, weiße Mauer, die mit ihren Thürmen, Thoren und Zinnen den Fuß des Kreml vertheidigt. Dicht hinter der Mauer steigt es, wieder grün, noch höher empor, und über Rasensaum und Buschwerk strahlt uns endlich die Gebäudemasse des Kreml mit ihrer Farbenpracht von Roth und Gold, Silber, Weiß und Grün wie eine Krone entgegen, aus deren Mitte, Alles überragend, die Thurmsäule des Iwan Welikoi sich erhebt. Imposant und gebietend greift in das Gewirre der vielen kleinen Gebäude des Alterthums die neue Zeit ein mit der gewaltigen Masse des großen, von Alexander gebauten Palastes (Bolschoi Dworetz), und über alle religiösen und weltlichen Bauwerke wölben sich die zahlreichen goldenen und silbernen Kuppeln der Gotteshäuser. Wir stehen vor einem Bilde, das trotz der eingedrängten italienischen Palastfaçaden uns plötzlich weit und immer weiter aus Europa entfernt: die glänzende Pracht wie die Formen der national-russischen Bauten versetzen uns nach Asien. Und unverkennbar ist der asiatische Einfluß nicht bloß in dieser äußern Herrlichkeit, sondern auch in den schlanken, minaretartigen Thürmen, die hier oft die Stelle der schlichten Kuppeln der byzantinischen Architektur einnehmen; ganz eigenthümlich dem russischen Baustyle ist aber die Verschmelzung verschiedener Einflüsse zu einem Ganzen. Grundlage, innere Eintheilung und Anordnung der Kirchen lehnen sich ganz an die byzantinischen Vorbilder an, im Aeußern aber herrscht die Freiheit frommer Laune, die in ihren Nachahmungen beliebig zutastet und die eigene Erfindung keck dazwischen stellt: da sehen wir Kuppeln, thurmartige Aufbauten und schlanke Minarets, die Kuppeln von vielerlei Form, bald halbkugel-, bald ei-, bald birnförmig, bald byzantinische, bald italienische, bald arabische und bald ganz barbarische Ornamente und Alles voll stechender Farben. Aber aus dem Ganzen blickt ein nationaler Wille, wir sehen den Ausdruck eines eigenen Geistes, der in diesen Monumenten seines Nationalheiligthums selbstbewußt und mächtig vor die Welt tritt.“
Friedrich Hofmann: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Einundzwanzigster Band. Bibliographisches Institut, Hildburghausen 1860, Seite 181. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_21._Band_1860.djvu/191&oldid=- (Version vom 20.1.2026)