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| Friedrich Hofmann: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Einundzwanzigster Band | |
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Viel enger, düsterer und schauerlicher, als unser Bild uns zeigen kann, ist der Engpaß, in welchem der Weiler Finstermünz liegt. So hart am Ufer des Inn treten die steilen himmelhoch aufragenden Felsenmauern an einander und so schrecklich und schroff recken noch hoch über sie hinaus ihre Nachbarn die granitnen Glieder, daß bis zu den Menschen, die bei der Brücke ihre Wohnungen gebaut, nur im Hochsommer wenige Stunden des Tags der Strahl der Sonne dringt. Die Brücke selbst führt durch den steinernen Wartthurm aus Tirol nach Engadin; derWeg ist dem Menschen geöffnet, aber nur so weit, daß er jeden Augenblick geschlossen werden kann. Zu dem Trotz der Natur stellen hier die Gewaltigen die Zeichen ihres Trotzes, durch die der Eindruck auf das menschliche Gemüth noch finsterer wird in dieser Schlucht „mit den wilden braunen Felsen, aus denen sparsam die Tannen aufsprießen, mit dem rauschenden Flusse tief unten und der schmalen blauen Himmelsdecke oberhalb, zusammen mit den einsamen Nestchen, die sich die Menschen in diese drückende Enge hineingebaut“ (Steub). Jeder Wanderer eilt hier rascheren Schrittes vorwärts, um das jenseitige Ufer zu erreichen, wo das Schlößchen Siegmundseck am Felsen klebt und wo einst eine Klause stand, die das dringendere Bedürfniß des Verkehrs zu einem Bräu- und Wirthshaus erweitert hat.
Wir gehen nicht vorüber an der gastlichen Thür, über welcher das Schild mit dem Bräubottich hängt, aus welchem ein Paar Gerstenähren erblühen; hier reden die Männer gern von der Vergangenheit der Länder, welche jetzt nicht bloß durch die Schranken der Bergwelt, sondern noch feindlicher, als durch diese, durch Herrschaft, Religion und Sprache von einander getrennt sind.
Das Engadin stand in früheren Zeiten mit dem Vintschgau Tirols in engster Beziehung; im Unter-Engadin bis Pontalto hinauf galt tirolische Herrschaft, während dagegen die Bischöfe von Chur mit dem Krummstab bis nach Meran hin walteten. Auch die romanische Sprache und mit ihr Sitte und Art des Volks war noch über beide Thäler dies- und jenseits der Felsensperre verbreitet. Dies dauerte bis in das fünfzehnte Jahrhundert hinein. Da erglänzte der Widerschein von der Schweizer Freiheitssonne auch an den Engadiner Gletschern, das Volk der armen Thäler wandte sich den rhätischen Bünden zu und verfiel somit dem Zorne Oesterreichs, das sich auch in diesem Erdenwinkel die Gewalt nicht so leicht entreißen ließ. Von den vielen kleinen Fehden der erbitterten Nachbarn schweigt die Geschichte, obwohl sie an Blut und Unglück reich waren. Unvergessen sind nur die größeren Kämpfe. Der erste heißt der Hennenkrieg, welcher im Jahre 1478 ausbrach, weil die Engadiner
Friedrich Hofmann: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Einundzwanzigster Band. Bibliographisches Institut, Hildburghausen 1860, Seite 184. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_21._Band_1860.djvu/194&oldid=- (Version vom 20.1.2026)