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| Friedrich Hofmann: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Einundzwanzigster Band | |
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den Hühnerzins verweigerten, welchen die herzoglichen Beamten für die Fastnacht forderten. Wohl drangen die Tiroler unter Roland von Schlandersberg mit großer Macht in’s Engadin, aber der Sieg blieb ihren Feinden, nachdem Gebhard Wilhelm, der Stolz von Ramis, den gewaltigen Martihans von Naudersberg unter der brennenden Burg von Tschanuf im Zweikampf erschlagen hatte. Nicht glücklicher war Kaiser Max im Jahre 1499, wo er, mit den Eidgenossen zerfallen, den letzten Versuch machte, die wankenden oder verlorenen Rechte im Engadin zu befestigen oder wieder an sich zu bringen. Diesmal schritten die Ladiner zum Angriff, verheerten das Thal, verbrannten Nauders (die jetzige Landgerichtsstadt am Finstermünz), gewannen die in diesen Bergen gar berühmte Schlacht auf der Malser Heide und legten zum Triumph alle Orte des oberen Vintschgaus in Asche. In demselben Frühjahr waren auch die Bergknappen von Schwaz sammt der Tiroler Landwehr in der blutigen Schlacht bei Fratenz den Waffen der Schweizer erlegen. – Die Wunden solcher Kämpfe fressen am tiefsten in die Herzen und bluten oft Jahrhunderte nach. – Es wäre somit für das Volk beider Thäler kein neuer Haß zur Trennung nöthig gewesen, und doch ward erst der tiefste Spalt zwischen beiden gerissen durch die Reformation: Die Engadiner wurden calvinisch und hielten an ihrer romanischen Abkunft fest, die Vintschgauer blieben katholisch und kehrten sich von dieser Zeit an mehr und mehr dem deutschen Wesen zu. – Und so ist das Verhältniß zwischen beiden bis auf den heutigen Tag geblieben, ja, es ist in dieser jüngsten Zeit noch schlimmer geworden, seitdem der Romane sich mit seinen Gefühlen ganz dem Italiener anschließt und der Haß desselben gegen alles Deutsche mit seinem alten Groll gegen Oesterreich zusammenfließt.
Nachdem das Engadin verloren war, wendete Oesterreich bedeutende Summen auf die Befestigung des Engpasses. Etwas oberhalb des Weilers, am rauschenden Stillebach, ist die, was Bau und Lage betrifft, unüberwindliche Veste Finstermünz gebaut. Sie besteht ganz aus grauem Granit und ist in den Felsen zum Theil eingehauen, zum Theil von ihm überragt; namentlich ist das Proviantmagazin ganz in den Berg eingesprengt, oder vielmehr in eine mächtige eingesprengte Höhlung so eingebaut, daß zwischen der Mauer des Magazins und dem Mutterfelsen ein gangbarer Stollen hinzieht, der jenes vor Feuchtigkeit bewahrt. Die Veste, eigentlich, wie Steub sich ausdrückt, nichts weiter, als ein ungemein festgebautes Haus voll Schießscharten, voll Kanonen, Mörser und anderem Gewehr, bestreicht allerdings alle Punkte des Thals, beherrscht also den Paß vollständig und versieht hier denselben Dienst, wie das noch mächtigere Befestigungswerk oberhalb Brixen; beide werden von Kriegsleuten für genügend erklärt, um jedem Feinde, er komme vom Norden oder vom Süden, den Durchzug durch die Centralkette der Alpen in Tirol zu verwehren.
So meinen die Kriegsleute und betrachten die Werke ihrer Baukunst mit Wohlgefallen. Und doch hängen sie an den Riesenmauern des Hochgebirgs wie Kinderspielzeug, – und sind denn solche Vesten in Ländern, wo die stärkste Burg, die Treue des eigenen Volks, gebrochen ist, mehr werth, so lange man noch nicht Automaten
Friedrich Hofmann: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Einundzwanzigster Band. Bibliographisches Institut, Hildburghausen 1860, Seite 185. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_21._Band_1860.djvu/195&oldid=- (Version vom 20.1.2026)