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| Friedrich Hofmann: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Einundzwanzigster Band | |
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mit ihr gekommen waren. Daher das tiefe Dunkel über ihrer Geschichte, das sich selbst bei ihrem Untergang kaum bis zur Dämmerung erhellt hat.
Der Name jener alten Bulgaren ist an der Stätte, wo sie Herren waren, verschwunden; armselige Hütten bedecken jetzt das Land, in welchem Nogaier und Tschuwaschen, Tschermissen und Mordwinen unter russischer Zucht hausen. Dagegen dauert der Name in Europa fort, wo frühzeitig ein gesunder vom alten Stamme losgelöster Zweig Wurzel schlug und, wie zur Erinnerung an die große, die kleine Bulgarei gründete. Während aber die Groß-Bulgaren fest am Islam hielten und in Vertheidigung ihres Landes und ihres Glaubens gegen Russen und Mongolen endlich erlagen, ergaben sich die Klein-Bulgaren dem religiösen Einfluß von Byzanz, gründeten dann ein selbstständiges bulgarisch-walachisches Reich, das sich gegen Byzanz hielt, bis beider Herrlichkeit vor den Türken zusammenbrach, bewahrten trotzdem ihren Glauben gegen die fürchterlichsten Verfolgungen der Pforte und scheinen nunmehr berufen, demselben Rußland, das die Wiege ihres Stammes zertrat, den Weg nach Konstantinopel zu bahnen.
Wir kehren zu den alten Bulgaren zurück, von welchen arabische Schriftsteller des 10. Jahrhunderts uns die erste Kunde bringen. Sie sprechen bereits von ihnen als von den im alten Lande Zurückgebliebenen, denn der Auszug der Wanderschaaren nach dem Don und Dniester bis zur Donau war schon in den Jahren 500 bis 550 geschehen, als Anastasius Dicorus und Justinianus I. in Byzanz herrschten. Die Daheimgebliebenen nannte man fortan „weiße Bulgaren“ oder auch „kamische“, von dem Flusse Kama, an welchem ihre Hauptstadt lag. Sie waren offenbar ein rühriges Volk auf der Uebergangsstufe vom Nomadenthum zum Bürgerthum, d. h. zu festen Wohnsitzen, denn es wird von ihnen erzählt, daß sie im Winter in Dörfern und Städten weilten, im Sommer aber mit den Heerden in das offene Land hinausgezogen seien. Die Erzeugnisse ihres Landes (Juchten, Nüsse, Honig, Wachs, Rauchwerk) waren zugleich die Gegenstände eines über ihre nördlichen, südlichen und östlichen Nachbarn ausgebreiteten Handels; sie selbst waren die Vermittler zwischen den Russen, Wesen, Ingren und Khasaren bis nach Khowaresmien und Khorassan, brachten dem Süden die Pelze aus dem christlichen Norden und diesem die Säbelklingen aus dem mohammedanischen Süden und vergaßen sich selbst nicht in Beidem. Sie waren auch ein kriegerisches Volk; die Zeit für Kunst und Wissenschaft erlebten sie nicht. Selbst ihre Mauern und Moscheen waren fremde Werke, die meisten von Baumeistern aus Bagdad errichtet; und auch die Schrift, die sie gekannt haben sollen, scheint nicht über die nächsten Bedürfnisse des alltäglichen Verkehrs hinaus in Anwendung gekommen zu sein. Der Handel war wohl nur Tauschhandel; Juchten waren die Münze, in welcher sie die Abgaben an ihre Gebieter bezahlten. Der Verkehr mit so vielerlei Völkern mußte indeß eine durchaus eigenthümliche Bildung in ihnen erzeugt haben, und daß uns von dieser kein Zeugniß, kein Zug von eigener Hand erhalten worden, ist immerhin ein Verlust für die Geschichtskunde, den alle Bautrümmer des Landes nicht ersetzen.
Friedrich Hofmann: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Einundzwanzigster Band. Bibliographisches Institut, Hildburghausen 1860, Seite 189. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_21._Band_1860.djvu/199&oldid=- (Version vom 20.1.2026)