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| Friedrich Hofmann: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Einundzwanzigster Band | |
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An der Zerstörung ihres Staats arbeiteten zuerst, und viele Jahre vergeblich, die Russen; die Mongolen vollendeten sie in zwei Kriegszügen unter ihrem Anführer Subutai, von 1236 an, und Rußland wurde der Erbe der verödenden Hinterlassenschaft, die gleichwohl noch bedeutend genug erschien, daß Peter der Große seinen Regententiteln den eines „Königs von Bulgarien“ hinzufügte.
Der alten Hauptstadt dieses Königreichs schreibt die Sage ein mährchenhaftes Alter zu: bald ein Enkel Japhets, bald Alexander der Große, bald ein Konig Kasir von Samarkand sollen die Gründer derselben gewesen sein. Auf Münzen kommt sie im 10. Jahrhundert, in russischen Chroniken erst 1360 vor. – Sie galt auch nach der mongolischen Eroberung noch für eine „große Stadt“, obwohl ihre Bevölkerung nach einzelnen Verheerungen bis auf 10,000 zusammengeschmolzen war. Am raschesten sank sie, als sie ein Zankapfel der mongolischen Fürsten geworden war. Den Gnadenstoß gab ihr aber Tamerlan am Ende des 14. Jahrhunderts; den Untergang der goldenen Horde sollte sie nicht überleben.
Die gegenwärtigen Trümmer sind der Schmuck eines – russischen Dorfes im Gouvernement Kasan, Uspenskoie, das aber auch den alten Namen, in Bolgarü verwandelt, noch fortführt. Sie liegen innerhalb eines von einem Graben umgebenen Walles zerstreut, dessen Umfang ungefähr sieben Werst beträgt. Am besten erhalten sind zwei Thürme (Minarets) und von den Gebäuden das sogenannte schwarze oder Gerichtshaus, von welchem noch drei Stockwerke mit Thür- und Fensteröffnungen stehen, und das weiße Haus, das 82 Fuß lang und 36 Fuß breit ist und ein Bad gewesen sein mag. Wir sehen es im Vordergrund unseres Stahlstichs. An die Südseite jenes Walles stößt ein kleinerer, ein unregelmäßiges Viereck bildend und die „kleine Stadt“ genannt. Der Umstand, daß sämmtliche Bauwerke aus behauenen Kalk- und Sandsteinen aufgeführt waren, trägt jetzt viel zu ihrer rascheren Zerstörung bei. Bulgar ist eine Fundgrube für die Neubauten in Bolgarü, – „neues Leben keimt in den Ruinen.“
Wenn auch die Zeiten vorbei sind, wo die Dichter in jeder Ruine zu Elegien über die Hinfälligkeit alles Irdischen im Allgemeinen und das Hingefallene insbesondere glaubten begeistert sein zu müssen, so drückt uns doch unwillkürlich der Anblick solcher Trümmer der Vergangenheit in eine trübe Stimmung hinein: von einem großen, blühenden, mächtigen Volksleben nichts, gar nichts übrig, als die stummen Steinhaufen bei einem elenden Dorf! – Da liegt wohl die Frage nahe: Ist ein solcher Untergang eines dem großen Verkehr aufgeschlossenen Volkes noch heute möglich? – Wir rufen mit froher Zuversicht „Nein!“ und blicken von diesen Trümmern getröstet und gehoben auf den Kulturgang der Völker von damals bis heute. Wer nur mit dem Maßstabe seiner Wünsche an die Beurtheilung der Gegenwart geht, nur nach Dem sich umsieht, was er noch vermißt, was alles noch besser sein könnte, den wird die heraufbeschworene Unzufriedenheit nur zu einem harten und ungerechten Wahrspruch führen können, der ihm das Vorwärtsstreben leicht als ein hoffnungsloses verleiden könnte; – wer
Friedrich Hofmann: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Einundzwanzigster Band. Bibliographisches Institut, Hildburghausen 1860, Seite 190. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_21._Band_1860.djvu/200&oldid=- (Version vom 20.1.2026)