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| Friedrich Hofmann: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Einundzwanzigster Band | |
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Arme sehnsüchtig nach Italien aus, in dem undankbaren Triest herrscht der fremde Geist, und die Freiheit von Montenegro strahlt dem Dalmatiner heller, als der Glanz der Hofburg in Wien. Die Kroaten träumen vom Panslavismus und hängen, gleich den Slavoniern, des russischen Kaisers Bildniß neben das Konterfei ihres Schutzheiligen. Der Grenzer steht nicht mehr feindselig am Donauufer, seitdem sein Erbfeind, der Türke, nur noch ein galvanisirter Leichnam ist, und er begrüßt im verfolgten Rajah einen armen, verwandten Bruder und beneidet den Serben um sein stolzes Selbstgefühl. Gegen Norden aber wird die Kluft noch tiefer zwischen Wien und dem Grenzlande jenseits der Karpathen, da sind für Liebe und Treue die Wege verschneit, so lange noch in polnischer Zunge auf Erden gesprochen wird, oder so lange das Glück der Völker nicht Eins ist mit dem der Throne.
Es wäre ein schweres Unrecht, zu behaupten, es sei je in Oesterreich nicht die Absicht des Throns gewesen, das Glück der Völker zu begründen, oder gar die Absicht, es nicht zu begründen. Die Geschichte zeigt uns eine unendliche Reihe von Gesetzen, Verordnungen, Maßregeln und Thaten, deren ausgesprochener Zweck kein anderer war, als „das Wohl der Unterthanen.“ Aber wie? Jedermanns Thun und Lassen in einen möglichst engen Kreis, in einen möglichst schmalen Kanal der Pflichten, der Bildung und Umsicht festzubannen, das war §. 1. der Staatsweisheit. Aus der Beschränkung aber erwuchs eine Beschränktheit, die dem Verlangen nach stets wachsender Steuerkraft schlecht entsprach. Wiederum sollten unzählige behördliche Anweisungen abhelfen; aber dicht neben dem Unterrichtenwollen erhoben sich geweihete Finger gegen jede geistig freiere Regung: bis hieher und nicht weiter! So stak dort fortwährend der Geist der Völker in der Zwickmühle ängstlich zugemessener Belehrung und rücksichtsloser Censur. Je verbotener aber die Frucht, desto emsiger ward sie vom wißbegierigen Volk gesucht. Von „draußen“, aus dem Reiche drang allerlei Kenntniß und Erkenntniß neben den Schlagbäumen in das Land. Weil jedoch diese Bildung gesetzwidrig, weil sie eingeschlichene Kontrebande war, so mußte man von oben herab thun, als wisse man nicht, daß man unten so Vieles weiß. Dadurch entstand eine Sprachverwirrung, die endlich so weit führte, daß Regierung und Völker in fortlaufendem gegenseitigem Mißverständniß befangen waren. Das Volk stand der Regierung mundtodt gegenüber, es durfte kein Urtheil über ihre Handlungen wagen, obwohl es ihm weder an Einsicht, noch an Gelegenheit dazu gebrach. Der blinde Glaube sollte von der Kirche in das politische Leben des Volks hinübergeführt werden. Da aber die irdischen Dinge dem Blicke der Menschen nicht so weit entrückt sind, wie die himmlischen, so konnte der Glaube nicht bestehen, wo die Augen hell das Gegentheil sahen, zumal die Aepfel vom Baume der Erkenntniß dem Volke von allen Grenzen hereingeworfen wurden.
Wenn eine solche theatralische Behandlung der Politik vielleicht für den Charakter und Civilisationsgrad der Franzosen geeignet ist oder in fester Hand wenigstens eine Zeit lang gut thut, so erblicken wir in ihr ein großes Unrecht den Völkern Oesterreichs gegenüber, die theils, wie die Deutschen und Ungarn, zu ehrlich, theils,
Friedrich Hofmann: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Einundzwanzigster Band. Bibliographisches Institut, Hildburghausen 1860, Seite 197. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_21._Band_1860.djvu/207&oldid=- (Version vom 21.1.2026)