Seite:Meyers Universum 21. Band 1860.djvu/208

Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal korrekturgelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig.

wie die Mehrzahl der Slaven, zu ungebildet für solch ein Spiel sind. In dieser Beziehung besonders befand sich die Regierung Oesterreichs bisher auf einem schlimmen Irrwege.

Wo aber die Irrwege erkannt sind, da sollte der rechte Weg zum Heil von Staat und Volk nicht so schwer zu finden sein. Und man findet ihn ohne Mühe, wenn man nicht die Leuchte selbst verlöscht. Dem Volke nur das Schloß vom Munde, und den Regierungen wird die Binde rasch von den Augen fallen!

Zwei Dinge sind es, für welche Völker zu begeistern und für welche sie zu jedem Opfer bereit sind: Vaterland und Freiheit. – Jedoch der Staat, weil ihn eine Krone beherrscht, macht noch nicht das Vaterland aus. Der Mann auf den ionischen Inseln und in Gibraltar läßt nicht Großbritannien, der in Schleswig nicht Dänemark, der in Nizza und Korsika nicht Frankreich, der in Posen nicht Preußen, der in Polen nicht Rußland als sein Vaterland leben. Sein Vaterland umfaßt dasjenige Stück Erde, auf welchem er geboren ist, soweit es von dem Volke seiner Sprache bewohnt wird. Man sträube sich, wie man will, gegen die Nationalitätspolitik: die Nationen sind von Gott geschaffen, die Staaten von Menschenhand gegründet, und Gottes Werk allein hat ewige Dauer. Wenn darum weder der Pole noch der Italiener, weder der Ungar noch der Slovene den Becher für Oesterreich als sein Vaterland erhebt und selbst die beamtliche Begeisterung in offizieller Pflichtschuldigkeit nicht bis zum ganzen Reich, sondern nur bis zur höchsten Person des Reichs emporsteigt, so beweist das am deutlichsten den Mangel am wesentlichsten Erforderniß eines festen Staatsbaues. Polen, Italiener und Slaven suchen ihr Vaterland außerhalb Oesterreichs, und selbst der deutsche Oesterreicher blickte schon einmal nach der Paulskirche in Frankfurt am Main erwartungsvoller, als nach der Hofburg in Wien. – Kann aber ein Staat diesen Mangel ersetzen? – Man entschädige die Völker, denen man kein Vaterland reichen kann, mit Freiheit. Oesterreich gebe den Ungarn, was es ihnen Höchstes geben kann: ihr Vaterland; und es gebe Deutschen, Polen, Italienern und Südslaven das Höchste, was es diesen bieten kann: verfassungsstaatliche Freiheit; dann und nur dann wird über den bunten Fahnen all der verschiedenen nationalen Landtagshäuser die Reichsfahne prangen Allen zur Ehre und zum Schutz. – Kein Volk ist unempfindlich für das Gefühl der Zusammengehörigkeit mit einer großen Gemeinschaft, nur müssen ihm aus derselben nicht ausschließlich größere Lasten erwachsen; ein jedes Volk freut sich seiner Einheit mit einem an Gebiet, Macht und Ehre großen Staate, nur muß ihm dieser Staat auch größere Mittel und Wege zu seiner Wohlfahrt und größere Sicherheit der nationalen Selbstständigkeit und der persönlichen Freiheit bieten. – Wenn der Pole in Galizien und Krakau, der weder von Rußland noch von Preußen den Geist seines Volksthums geachtet und gepflegt sieht, diese Achtung und Pflege unter dem Kaiserscepter Oesterreichs gefunden, und zwar im Verein mit bürgerlichen und politischen Einrichtungen, und einer geistigen Erziehung, wie sie dem alten Polen geradezu unmöglich waren, so würden für den Kaiser keine treuere Kämpfer gegen einen nordischen Feind erstehen, als diese Polen. Wenn