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| Friedrich Hofmann: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Einundzwanzigster Band | |
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Schreibstube der Eilwagengesellschaft befindet. Führer, Lohndiener, Marktschreier und Bettler drängten sich wie gewohnt massenweise um uns, und es kostete diesmal wirklich Mühe, ihnen zu entgehen. Jedes Kind in Granada aber konnte uns dorthin geleiten, wohin unsere Sehnsucht jetzt uns trieb.
Durch bald breitere, bald engere Straßen und Gassen zogen wir langsam dahin, mehr und mehr ansteigend. Endlich bogen wir in ein fast düsteres Gäßchen ein, dessen alte, verfallene Häuser schon im Voraus uns künden wollten, daß wir von nun an mit vergangenen Jahrhunderten Zwiesprache halten würden. Wir kamen durch dies Gäßchen in die „Cuesta de Gomeles“ (Aufstieg der Gomelen), den eigentlichen Weg zur Burg, zum Schlosse der maurischen Könige. Und wiederum alte Häuser, verfallene Höfe, vermauerte Säulenknäufe, wie sie nur die braune Hand des Mauren gearbeitet haben konnte: klarer und beredter werden die Zeichen der Vergangenheit. Aber zwischen Häusern und Mauern und Höfen lachen Blumen herab, ziehen sich kleine Gärtchen an den steilen Wänden empor; auch die Gegenwart spricht ein Wörtchen mit, um den hier Emporsteigenden nach und nach vorzubereiten und die in seiner Seele schlafende Dichtung zu wecken. Und oben, gerade vor und über dem Auge des gemächlich Wandelnden, erheben sich stolz und kühn wie früher, nur hier und da benagt von der Alles vernichtenden Zeit, Thürme und Mauern und Wälle. Alles strebt, steigt nach oben; scharfe Umrisse zeichnen die Bauwerke vom dunklen Himmel ab; selbst die Nacht, die verhüllende, Schweigen gebietende, läßt sie noch klar und verständlich erscheinen, reden und klagen, wenn auch ohne Worte. Freundlich klettert und rankt sich der Epheu an dem Gemäuer der rothen Thürme hinan; er will sie mit einem neuen Arabeskennetz umflechten, auch auf sie Blätter und Blüthen legen.
Vor dem Siegesbogen, welchen Karl V. an die Stelle des alten maurischen Thores Wechar setzen ließ, standen wir still, als ob wir die Wahrheit nicht glauben, der Sehnsucht nicht folgen dürften. Aber die Lust, die ganze, große Herrlichkeit, welche Reisende und Dichter geschildert und unser Geist noch köstlicher ausgemalt hatte, trieb uns vorwärts. Unsere Seele jubelte laut auf, unsere Schritte geleiteten uns durch das Bogenthor, und in demselben Augenblick verstanden wir, daß der Name Alhambra ein herrliches Gedicht ausspricht.
Uns hatte ein Ulmenhain aufgenommen, so köstlich, so dicht, so schattig, so waldig-lebendig, wald-fröhlich, wie ich noch nie in Spanien einen gesehen hatte, und nirgends mehr sehen konnte. Die dunklen Stämme hoben sich nordisch-schlank empor; ihre Kronen waren so dicht und laubig, wie nur irgendwo in der frischen, grünen Heimath; der Epheu rankte sich mährchenhaft lieblich an den düstern Stammsäulen hinan und seine dunklen Blätter schienen zu spielen mit dem theilweise schon gelblichen Laubwerk der Ulmen: denn sie mischten sich wunderbar mit diesem, um Sträuße und Rankennetze zu binden. Rosengebüsche liehen dankbar dem sie umschlingenden Epheu ihre Blüthen zum Schmuck, und hunderterlei andere Blumen lachten aus Hecken und Dickichten hervor.
Friedrich Hofmann: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Einundzwanzigster Band. Bibliographisches Institut, Hildburghausen 1860, Seite 11. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_21._Band_1860.djvu/21&oldid=- (Version vom 14.1.2026)