Seite:Meyers Universum 21. Band 1860.djvu/214
| Friedrich Hofmann: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Einundzwanzigster Band | |
|
|
welchem die Bregenzerach hervor- und dem See zustürzt, scheidet den Bregenzerwald von den Vorarlbergen. Drüben öffnet sich das Rheinthal mit seinem Kranze von Hochgebirgen, und dorthin soll man beim Sonnenaufgang blicken, um die werdenden und vergehenden Farben, Formen und Lichter, im Thal und auf Höhen, eine täglich neue Schöpfung, zu bewundern.
Der Bodensee und sein Uferland gehören, wir wiederholen es, zu den schönsten Stellen der Erde. Hier ist Alles vereinigt, was Auge und Herz am höchsten entzückt: des Hochgebirgs Majestät, die Thäler und Ebenen, wo „wie ein Garten das Land zu schauen ist“, die Pracht eines großen Wasserspiegels, und dies Alles in edelster Harmonie. Wir scheiden darum ungern von unserem Schwabenmeere, aber mit der Hoffnung, recht bald durch ein anderes Bild dahin zurückgeführt zu werden.
Wohin wir auch wandern und blicken, ob in die nächste Nähe, ob in Fernen, wo nur selten der über den Globus hinschweifende Blick sich fest gehalten fühlt durch irgend ein großes Merkzeichen der Geschichte, überall stoßen wir auf Spuren untergegangenen Lebens. Es bedarf’s nicht der Asche eines brennenden Vesuv, um die Stätten eines einst mächtigen Volksverkehrs der Nachwelt für Jahrhunderte zu verhüllen, auch nicht des Sandes der Wüste, welcher die Tempel der Götter, wie die Grabhallen der Könige und die Wohnungen der Armuth verschüttete, noch der Urwälder der neuen Erde, zwischen deren Baumriesen der Forscher die Trümmer großer Städte entdeckt, die Zeugniß dafür ablegen, daß eine hohe Kultur schon undenkliche Zeiten vor Columbus in Amerika geblüht habe. Es genügt, daß ein Land spät mit uns in Verbindung getreten sei, um uns Gelegenheit zu bieten, mehr als ein Herculanum und Pompeji für unsere Kenntniß neu aufzugraben und den unermeßlichen Schatz der Geschichte fort und fort zu mehren.
Zu den räumlich uns nächsten Ländern – die Nähe ist durch den eisigen Hauch der Politik von dort uns oft genug fühlbar gemacht worden – gehört das europäische Rußland, und doch wird es in vieler Beziehung erst jetzt unserer Kenntniß erschlossen. Dies gilt jedoch weniger von den neueren, Schweden, Polen und Türken abgenommenen Theilen des großen Reichs, sondern gerade von seinem Kern, dem ältesten Rußland der Moskowiter.
Friedrich Hofmann: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Einundzwanzigster Band. Bibliographisches Institut, Hildburghausen 1860, Seite 204. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_21._Band_1860.djvu/214&oldid=- (Version vom 21.1.2026)