Seite:Meyers Universum 21. Band 1860.djvu/22

Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal korrekturgelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig.

Das war ein herzerfüllender Anblick! Und dennoch stand der kostbare Lustwald nicht mehr in seiner Blüthe; der Monat Oktober hatte ihm bereits so viel von seinem Schmuck geraubt! Wenn er auch hier und da anstatt der Blumen Blätter in Roth und Gold und anderen Herbstesfarben erblühen ließ, und wie gesagt noch nicht alle Blüthen vernichtet hatte: den Frühlingsduft, welchen er genommen, konnte er ebenso wenig ersetzen, als den Frühlingsklang. Der Sängerkönig Ruisenor war längst dem heißen Süden zugeflogen und hatte so manchen seiner Unterthanen mit sich genommen; keines der reichen Liebeslieder dieses einzigen, den verödeten Hallen treugebliebenen Minnesängers klang uns mehr entgegen, wie im Frühjahr, wo er noch immer singt und erzählt von den alten Zeiten. Nur nordische Bekannte, die der in ihrer Heimath einziehende Winter hierher vertrieben hatte, sandten uns ihre Liedergrüße zu. Aber dennoch hatte der Wald auch jetzt noch seine eigenen Weisen: das Wasser murmelte, flüsterte, rauschte, sang sie uns zu.

Der Hauptweg theilt sich bald in breite, allmählig sich erhebende, sorgsam gepflegte Gänge, zu deren beiden Seiten aus Ziegelsteinen zusammengesetzte Wassergraben hinlaufen. In ihnen fließt beständig das überflüssige Wasser des künstlich auf die Höhe des Königsschlosses geleiteten Darro seinem ursprünglichen Bette zu; aber wie! Man muß erst wissen, was es sagen will, den traulichen Klang des murmelnden und rauschenden Wassers auf Monate zu entbehren; man muß Wüstenstrecken durchwandert haben und in nackten, wald- und wasserleeren Gebirgen von der Sonnengluth erdrückt worden sein, wenn man das Murmeln und Rauschen des Wassers verstehen will. Ich verstand heute Alles, was das geschwätzige erzählte. Es murmelte von den alten, vergangenen Zeiten und Minnen, welche es erlebt, von dunklen, glühenden Augen, welche in ihm sich beschaut, – und rieselte fast schmachtend dahin, wie jene Liebesworte von den blühenden Lippen der früher hier hausenden Schönen Afrika’s; es sprach aber auch von Haß und Neid, von Krieg und Mord, von Blut und Seufzern, Todesstöhnen und Kampfgebrüll: d’rum rauschte und klagte, zürnte und brauste es hier und da so heftig. Fast schien es, als fürchte es, seine Geheimnisse alle zu verrathen; dann eilte es schnell von dannen und rauschten seine Töne mir vorüber: wirr und unklar, wie eine Geschichte, welche die Sage erzählt, vielleicht wollte es dieselben gern zum Meere hinabtragen, um sie in dessen Tiefe zu versenken.

Vor Zeiten rieselte das Wasser nicht von hier hinab zur Tiefe, zu der Zeit nannte man den Berg, auf dem sich die Alhambra erhebt, den „rothen Hügel“. Granada war damals bereits die Perle unter den Städten Andalusiens, sein König ein mächtiger Sultan, geliebt von seinem Volk, gefürchtet von seinen Feinden; aber er besaß noch keinen Palast, welcher seiner würdig gewesen wäre. Der rothe Hügel war überwuchert von dem Gebüsch der immergrünen Eiche und dieses von Brombeeren durchrankt und durch Dornen- und Stachelgewächse undurchdringlich geworden. Der Berg selbst hatte ein wüstes Aussehen; er war rauh, steinigt, hin