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| Friedrich Hofmann: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Einundzwanzigster Band | |
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Der Lehrgang ist gründlich, namentlich in den mathematischen Wissenschaften. Die Kadetten erhalten Censuren. Wer jährlich 200 Fehler im Betragen hat, wird entlassen; über Fleiß und Aufführung berichtet man monatlich an den Vater oder Vormund jedes Einzelnen. Die Disciplin ist streng. In der zweiten Klasse wird vorzugsweise Physik getrieben; dann folgen Ingenieurwissenschaften, Chemie, topographische Uebungen und Zeichnen; es versteht sich von selbst, daß jeder Einzelne auch den Kursus seiner Specialwaffe durchmacht. Von fremden Sprachen ist seither nur die französische gelehrt worden, doch hat sich in neuerer Zeit das Bedürfniß, auch Spanisch zu lernen, geltend gemacht. Die Jahreskosten der Akademie betragen kaum so viel wie der Unterhalt einer Fregatte, zwischen 160 bis 180,000 Dollars. Sie hat viele ausgezeichnet tüchtige Offiziere geliefert, und die Arbeiten der Ingenieur-Topographen, welche seit einem Jahrzehnt die verschiedenen Strecken zur Anlage einer Eisenbahn nach dem Westen untersucht, vermessen und beschrieben haben, geben allein schon ein tüchtiges Zeugniß.
Im demokratischen Amerika ist oft der Vorwurf erhoben worden, daß West-Point eine Pflanzschule für aristokratische Standesüberhebung sei, aber diese geht doch nicht weiter, als daß die Offiziere, welche aus der Akademie hervorgegangen sind, einen gewissen Corpsgeist zeigen, der bei Soldaten von Beruf überall sich zeigt. Eine abgeschlossene Kaste bilden sie nicht; von Privilegien im Staat oder in der Gesellschaft ist für sie keine Rede, und wegen der Zulässigkeit zu ihren Reihen versteht sich in einer demokratischen Republik die Gleichberechtigung aller Bürgerssöhne von selbst.
In Europa betrachten manche verarmte Familien von „Rang und Stand“ die Armeen als Anstalten, in welchen ihre Söhne ein „standesmäßiges“ Unterkommen finden, und eine gewisse „Stellung im gesellschaftlichen Leben“ erhalten; in Nordamerika bietet jeder andere Beruf an Lohn und Ehren reichlich so viel wie der des Offiziers. Am Schluß des vorigen Jahres zählte das stehende Heer Alles in Allem 1084 Offiziere aller Grade; an Musikern, Unteroffizieren, Handwerkern und Gemeinen 11,859 Mann, im Ganzen 12,943. Ein Dragoneroberst bezieht monatlich im Ganzen 235 Dollars, ein Artillerie- und Infanterieoberst 218 Dollars, ein Major 175, ein Hauptmann 118, ein Oberlieutenant 108, ein Unterlieutenant 103 Dollars. Die europäische Art der Pensionirungen kennt Amerika nicht. Innerer Drang und Interesse für den Stand müssen das Beste dazu thun, für diesen entbehrungsvollen Beruf zu werben, denn wer sich als Offizier dem Heerdienste zuwendet, opfert dafür jedenfalls eine mehr versprechende Laufbahn und hat die gewisse Aussicht, mehr als die halbe Lebenszeit in wilden Gegenden, fern von aller civilisirten Gesellschaft, zu verbringen.
Friedrich Hofmann: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Einundzwanzigster Band. Bibliographisches Institut, Hildburghausen 1860, Seite 224. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_21._Band_1860.djvu/234&oldid=- (Version vom 23.1.2026)