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| Friedrich Hofmann: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Einundzwanzigster Band | |
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durch trübe Empfindungen verscheucht. Ein eigenthümlich trauriges Gefühl erbebt in der Brust, wenn man seinen Fuß auf die Trümmer großartiger Werke der Vergangenheit setzt: wenn man aber weiß, daß Barbarei solche Werke in Trümmer schlug, dann gesellt sich zur Trauer der Unmuth, zu dem Unmuth der Groll.
Gleich beim Eintritt in die Burg hat man das Schloß Karls V. vor sich. Es steht auf derselben Stelle, welche früher der Winterpalast der maurischen Könige einnahm. Dieser soll die jetzt noch vorhandenen Ueberreste aus der Maurenzeit an Pracht und Schönheit bei Weitem übertroffen haben. Der christlich-kirchliche Hochmuth der Sieger kannte aber keine Grenzen; er artete in Barbarei aus. „Meine Rosse sollen den Boden zerstampfen, auf denen die Könige der Heiden wandelten,“ soll Karl gesagt haben – und ließ, sein Wort zur Wahrheit zu machen, eine Reitbahn im Innern des Schlosses anlegen! Die seither verflossenen Jahrhunderte haben diese unsinnige und rohe Zerstörungswuth bestraft; die maurischen Künstler sind gerächt. Man kann das Schloß nicht unschön nennen; man fühlt, daß es einem freien Platze in der Stadt gewiß zur Zierde gereichen würde: hier oben aber verunziert es das Ganze und stört den Gesammteindruck. Ob das die späteren christlichen Könige auch gefühlt haben? Möglich; warum auch hätten sie es sonst verfallen lassen? Es liegt schon halb in Trümmern; kein Maler nimmt sein Bild mit sich hinweg; kaum Einer der Tausende, welche alljährlich hierher pilgern, würdigt es der Anschauung. An ihm gehen Alle kalt vorüber – und Allen wird das Herz warm, wenn sie vor der Pforte des maurischen Schlosses stehen. Die Zeit ist gerecht.
Auch ich empfand den Fluch der Barbarei; auch ich fluchte ihr. Und so oft ich später in der Burg umher ging, immer wurden dieselben Empfindungen in mir rege. Ich vergaß hier, wo mich dieselbe Zauberei, die Dichtung der Denkmale aus alter Zeit so recht in Mitten des Lebens der Erbauer jener stolzen Gebäude trug, allen meinen christlichen Stolz und beklagte nicht das Erlöschen des Islam in diesem Theile der Erde, wohl aber die mit dem Volk des Südens vertriebene Dichtung der Blüthenzeit der Alhambra. Und so kam es, daß gar eigne, sogar recht unchristliche Wünsche in mir laut wurden. Ich wünschte, daß der Palast des christlichen Kaisers doch recht bald in Trümmer fallen möge – und betrauerte jeden Stein, jede Gypsplatte, welche in den Mauern und Gewänden des „Khassar“ (Alkazars) fehlte! Ich wünschte alle Spanier, die ich hier oben sah, hinaus, weit, für immer hinaus aus diesen Mauern, welche gegen sie errichtet worden – und wünschte dafür die edlen Turbanträger wieder herein, die sie erbaut hatten; ich wünschte ein erbärmliches Machwerk spanischer Baukünstlerhinweg, trotzdem daß es eine Kirche ist, und begehrte dafür die alte hochgethürmte Moschee wieder an ihre Stelle; ich wünschte alles der Neuzeit Angehörige hier, gerade hier nicht zu sehen, und hätte so gern allem Alten hier seine eingebüßte Berechtigung wieder gegönnt.
Friedrich Hofmann: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Einundzwanzigster Band. Bibliographisches Institut, Hildburghausen 1860, Seite 14. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_21._Band_1860.djvu/24&oldid=- (Version vom 14.1.2026)