Seite:Meyers Universum 21. Band 1860.djvu/242
| Friedrich Hofmann: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Einundzwanzigster Band | |
|
|
welcher einst die römischen Adler beschirmte, als sie die Kultur nach den Wäldern der Donauufer trugen und in den festen Kastren am deutschen Strome horsteten, der Gott wollte schon damals keine Knechte und wurde ob des Uebermuths der römischen Legionen zum Gott der Rache, der die Unterdrücker verderbte und die Brandfackel in’s Dach des eigenen Tempels schleuderte. Dieser Gott, den die Priester unserer Tage für immer unter die hohen Giebel ihrer Dome und die Kuppeln ihrer Kathedralen gebannt glauben und vor dem sie so eifrig räuchern und knixen, wird die Leuchte der Aufklärung dennoch wieder hoch halten und das Banner der Erlösung auch unter diesem Himmelsstrich entfalten, wenn die Mächte geistiger und weltlicher Finsterniß das Maß ihrer Schandthaten erfüllt haben werden. Eine glücklichere Nachwelt wird dann zu demselben Gott beten, wenn auch an der katholischen Pfarrkirche von Tulln längst das Loos ihres Nachbars sich erfüllt haben wird – das des verödeten Tempels der Römer.
Comagene ist der uns überlieferte Name des römischen Kastrums, welcher an der Stelle des heutigen Tulln stand. Es liegt in äußerst fruchtbarer Gegend. Fünf Meilen lang stromaufwärts breitet das Tullnerfeld sich aus, berühmt als eines der gesegnetsten Donaugestade, oft getränkt vom Blut der Schlachten. Im 15. Jahrhundert nahm zweimal Matthias Corvinus die Stadt belagernd und stürmend ein, und im Jahr 1683 vereinigte der Polenkönig Sobieski auf dem Tullnerfeld die Schaaren seiner Verbündeten zur Entsetzung des von den Türken hart bedrängten Wien.
Lange, bevor die große Kaiserstadt selbst erbaut worden, stand schon das jetzt kleine unscheinbare Tulln fertig in der Geschichte, und war – Oesterreichs Hauptstadt. Als Römersitz, als Avaren-Grenz-Veste, als Aufenthaltsort Karls des Großen, als Schirmburg und Residenz späterer Markgrafen, dann nach verheerenden Einfällen der Ungarn als Kolonie bayerischer Insassen, hierauf als Eigenthum der Kaiser des Sachsenstammes, geht Tullns Geschichte glanzvoll durch zwölf Jahrhunderte.
Friedrich Hofmann: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Einundzwanzigster Band. Bibliographisches Institut, Hildburghausen 1860, Seite 232. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_21._Band_1860.djvu/242&oldid=- (Version vom 23.1.2026)