Seite:Meyers Universum 21. Band 1860.djvu/247
| Friedrich Hofmann: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Einundzwanzigster Band | |
|
|
Stelle, da gerade kein anderes Schiff sich zeigte, und sie ganz einsam auf dem schaurig schönen Fluthenspiegel dahin glitten, in den Strom. Da brauste es in der Tiefe zürnend auf, eine Welle sprang empor, und warf, wie die Faust eines übermächtigen Riesen, die Zille um sammt den Brudermördern, und darauf wurden alle drei in jene Felssteine verwandelt, der Nachwelt zum Gedächtniß, den Bösen zur Warnung.
An anderer Stelle umkreist schwarzes Geflügel eine Felshöhle, die wie ein dunkles Cyklopenauge an der Bergstirne sich zeigt. Das ist das Rabenloch, und einen isolirten Fels nicht ferne davon, den nennen sie, ob seiner eigenthümlichen Gestalt, die schwangere Jungfer. Von ihr geht eine uralte Sage: „Ein liebliches Nixenmädchen, – so erzählt sie, – schwamm im Mondenschein auf dem ruhigen, leise murmelnden Gewässer; ihr langes grünes Haar breitete sich wie ein Goldschimmer darüber hin. Ein Fischer hatte seine Netze an heimlicher Stelle nahe dem Ufer in den Strom geworfen, und in ihnen verfing sich das Nixlein. Stärker rauschte es, der Fischer kam erfreut und zog den sträubenden allerliebsten Fisch an’s Land. Bald koseten sie im holdseligen Liebesgetändel, und sie fing nun ihn im Netz ihrer wunderbaren Schönheit. Mit tausend Eiden schwur er ihr sich zu, schwur, ihr nimmer die Treue zu brechen, die sie als einzigen Liebelohn mit stürmischem Verlangen forderte. Er brach ihre Blüthe und brach seine Schwüre, und hing sich an eine junge Dirne seines Dorfes, mit welcher er kirchlich aufgeboten wurde nach Brauch und Herkommen. Da kam, unter’m Herzen die Liebesfrucht, die arme Nixenmaid an die Kirche, und heischte ihr Recht; aber die Mutter legte ihr Kreuze in den Weg, der Fischer wandte ihr den Rücken, und der Pfarrer nahm ein dickes Buch, das an einer Kette lag und las Bannformeln gegen die bösen und verfluchten Geister der Wasserwelt. Da entwich weinend das schöne bleiche Wesen und klagte der Donaufei ihren Fall und ihren Schmerz; die aber verwandelte alsbald die Kummervolle in jene Steingestalt. Des Fischers Strafe blieb nicht aus. So oft er dort vorüberfuhr, war es, als blicke von der Höhe der Steinmaid ein strafendes, glühendes Augenpaar, und als wimmere ein Kind in gepreßten Schmerzenstönen, und er war oft Tage lang wie gebannt an jene Stelle. Er hatte seine Dirne gefreit, doch nicht lange währte die Freude. Eines Tags verspätete er sich bei’m Fischfang, wieder schien goldighell der Mond, und geheimnisvoll murmelten die Wellen; wieder rauschte es stark von den Netzen her, wieder war ein Nixlein gefangen, aber wie er nun zog, da zog es noch stärker ihn; das Netz zerriß, und ein bleiches Wasserweib, das seiner ersten Lieben glich, umschlang ihn fest, und drückte und herzte ihn, und küßte ihn todt. Nach neun Tagen schwamm am Felsenfuß der steinernen Jungfrau sein entstellter Leichnam.“
Friedrich Hofmann: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Einundzwanzigster Band. Bibliographisches Institut, Hildburghausen 1860, Seite 237. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_21._Band_1860.djvu/247&oldid=- (Version vom 23.1.2026)