Seite:Meyers Universum 21. Band 1860.djvu/25
| Friedrich Hofmann: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Einundzwanzigster Band | |
|
|
Nach einem vorläufigen Rundgange durch die gewöhnlichen Besuchern zugänglichen Theile der Burg kamen wir zur Eingangspforte in das Schloß der Saladine, welches wir vorzugsweise unter dem Namen Alhambra verstehen; wohl deshalb, weil es alle Pracht und Schönheit der noch erhaltenen Ueberreste in sich vereint. Die Spanier begreifen, wie vormals die Mauren, unter „Alhambra“ die ganze Burg.
Diese Eingangspforte wird von einem Thürsteher gehütet, dem zugleich das Geschäft obliegt, die Besucher herumzuführen. Auch wir durchwanderten in seiner Begleitung die Höfe, Hallen und Säle des Schlosses; aber der Mann eilte uns Allen viel zu sehr, und wir mußten deshalb noch oft wiederkehren, ehe wir zu einigem Verständniß des Ganzen gelangten. Ich will versuchen, zunächst den Eindruck und die Bedeutung des Ganzen und sein Gepräge zu schildern und dann erst zur Aufzählung und theilweisen Beschreibung der einzelnen Räumlichkeiten übergehen.
„Das Königsschloß der Alhambra ist ein morgenländisches Liebesgedicht in Stein.“ Ich will diese Worte buchstäblich verstanden wissen; sie drücken die ganze Beschreibung des Mährchenbaues aus, der in der That Alles und Jedes enthält, was solche Dichtung enthalten muß. Der volle Reichthum, der kühne Flug der Gedanken, die Tiefe, Frische, Innigkeit, Anmuth und Zierlichkeit, die Pracht der Farben eines morgenländischen Minnesanges finden sich sämmtlich wieder in diesem schönsten Denkmal der höchsten Blüthe der arabischen Baukunst. Das fühlt auch der nüchternste Mensch unwillkürlich heraus. Aber die Alhambra ist noch mehr. Der ganze Bau ist wirklich und wahrhaftig ein Buch der Lieder; seine Wände sind die Blätter dieses Buches; auf den Knäufen der Säulen, in den Nischen, an den Gesimsen, überall schimmern Buchstabenreihen aus dem durch Blüthen geschmückten Rankennetz der Arabesken hervor und diese Buchstabenreihen einen sich zu Gedichten und Liedern. Der Stein ist lebendig geworden: er spricht; was er aber redet, sind Worte der Dichtung.
Es gibt keinen Baustyl weiter, welcher, wie der maurische, die Dichtung im Wort zu seinem Schmuck bedürfte. Gewöhnlich ruft die Baukunst nur ihre beiden Schwestern Malerei und Bildhauerei zu Hülfe, wenn sie bilden will. Der Dreibund ist mächtig genug: – dem maurischen Künstler aber genügt er nicht. Er zieht eine vierte Schwester in jenen Verein, die Dichtkunst. Und diese ist wahrlich nicht die am wenigsten Wirkende; denn gerade ihr müssen die übrigen Schwestern dienstbar werden. Die Baukunst bildet das Blatt, auf welches der Dichter durch den Bildhauer seine Worte schreiben läßt; dann kommt der Maler noch hinzu und beide Letztgenannten schmücken und zieren die Worte. Diese freilich sind wiederum Schmuck und Zierde des Ganzen – nicht bloß dem Geiste im Wohlklang erkennbar, sondern das Auge allein schon durch ihre Wohlgestalt erfreuend: selbst sinnlos noch würden die Reihen der Buchstaben eine Zierde des Baues sein. Um sie herum und durch sie
Friedrich Hofmann: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Einundzwanzigster Band. Bibliographisches Institut, Hildburghausen 1860, Seite 15. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_21._Band_1860.djvu/25&oldid=- (Version vom 14.1.2026)