Seite:Meyers Universum 21. Band 1860.djvu/253

Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal korrekturgelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig.

Maryland ist, wie gesagt, bis jetzt als Beute in ihrer Gewalt geblieben. Diese haben sie auf eine gewaltthätige Art sich errungen; sie traten alle Gesetze mit Füßen, nahmen die Wahlbuden in offenem Kampfe, verübten Mord und Todschlag in den Straßen, gaben falsche Resultate der durch sie beeinflußten Stimmurnen an, und zwangen auf solche Weise dem Staate Maryland einen Gouverneur und andere hohe Beamte, der Stadt Baltimore einen Bürgermeister und eine Stadtverwaltung auf. Die gewissenlosen Aemterjäger behielten den Sieg, weil ihnen jedes Mittel zur Einschüchterung der Gegenpartei und der friedlichen, das Gesetz achtenden Leute überhaupt recht war. Sie nahmen alle Rowdybanden Baltimore’s in Sold und gewannen dadurch die Mitwirkung einiger tausend Kehlabschneider.

Aber was nennt man denn eigentlich einen Rowdy, einen Raufbold? Der Begriff läßt sich, weil er so viel Mannichfaltigkeit einschließt, nicht mit ein paar Worten erschöpfen. Der Rowdy ist ein Mensch, der sich vor jeder ernsten Arbeit scheut, aber gern dem Wohlleben fröhnt. Er ist ein Sohn guter Familie oder auch ganz ungebildet; die Gesellschaft empfängt ihre Mitglieder aus allen Schichten und treibt Unfug und Verbrechen in allen Abstufungen. Er ist falscher Spieler, er ist Räuber, der Nachts Leute überfällt und ausraubt, er lockt unerfahrene Leute in berüchtigte Häuser, hat stets Drehpistolen, Messer und eine Schlinge bei sich, geht Nachts auf allerlei Abenteuer aus, treibt sich bei Tage in feinen oder gemeinen Schenken umher, überfällt Wirthe, zerschlägt die Gläser und zahlt nichts; Geldforderungen beantwortet er mit Revolverschüssen, Skandal ist sein Element, er fängt ihn an, wo es irgend thunlich ist; er ist, obwohl oft wie ein Stutzer gekleidet, roh, gewissenlos, gemein, gewaltthätig, eine wahre Pest der Gesellschaft. Am gefährlichsten werden diese Leute dadurch, daß sie Banden bilden, welche über alle großen Städte der Union verbreitet sind, und es für eine „Ehrensache“ halten, einander zu unterstützen. Jeder Rowdy ist bereit, für einen andern seines Gelichters einen falschen Eid zu schwören. Wem in New-York das Pflaster zu heiß wird, findet in Baltimore oder Cincinnati willkommene Aufnahme bei den dortigen Raufbolden. Seitdem die Korruption der politischen Parteien in den Vereinigten Staaten in so grauenerregender Weise um sich gegriffen hat, vermiethen sich die Rowdies an die politischen Drahtzieher; und geben für die, von welchen sie bezahlt werden, nicht nur ihre Stimmen ab, sondern verpflichten sich auch, alle die, welche zur Gegenpartei gehören, von den Stimmbuden fortzuprügeln, sie niederzuschlagen, und dabei im Nothfall auch von Messern und Pistolen Gebrauch zu machen; das bringt ihnen Vortheil. Gewöhnlich machen sie die Bedingung, daß eine Anzahl von ihnen öffentliche Aemter, namentlich bei der Polizei, erhalten sollen, und das geschieht auch allemal. Die politischen Führer müssen darum den Raufbolden alle Verbrechen ungestraft hingehen lassen,