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| Friedrich Hofmann: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Einundzwanzigster Band | |
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Den Aelteren unserer Leser ist das Gefühl noch nicht ganz fremd, mit welchem vor den dreißiger Jahren der in Klein- und Mittelstaaten Einheimische sein Geburtsland auf der Karte und die Residenz seines Fürsten in der Hauptstadt betrachtete. Es herrschte in den Gemüthern eine durch ihre Beschränktheit ausgezeichnete Vorliebe für den engen Heimathraum, die selbst aufgeklärte Leute schon hinter dem nächsten Grenzstein in die „Fremde“ versetzte, und die in tiefster Ehrfurcht ersterbenden Unterthanen dehnten ihren elastischen Respekt vor allem zum „Hofe“ Gehörigen bis auf jede Bedientenlivree aus, die an den Portalen der Schlösser schimmerte. Je kleiner das Land, desto familienartiger gestaltete sich das Zusammenleben der verschiedenen Stände unter sich, desto patriarchalischer das Verhältniß des Fürsten zur Gesammtheit der Bewohnerschaft. Jedermann kannte jede Person am Hofe und jeder Person Eigenschaften und Umstände, und jede Person von nur einiger nicht alltäglicher Eigenthümlichkeit war dem Hofe bekannt. Es bewegte sich Alles in kleinen Kreisen, in denen nichts Großes Raum hatte und nichts groß war, als die Genügsamkeit. Je größer dagegen das Land, desto größer war in jeder patriotischen Brust der Stolz auf dasselbe und der Hochmuth, mit welchem man auf den kleineren Nachbar hinsah; ein großherzoglicher Unterthan dünkte sich mehr, als ein herzoglicher, ein herzoglicher bedeutend mehr als ein fürstlicher oder gar landgräflicher, und ein königlicher blickte auf Alle ebenso selbstgefällig hinab, wie endlich ein kaiserlicher auf alle mit einander. An allen Landesgrenzen innerhalb des deutschen Bundesreichs gab es täglich gegenseitige Hänseleien und Händel; die Schlagbäume hatten die Deutschen einander entfremdet, die große Erhebung während der Befreiungskriege war von metternichscher Staatskunst glücklich überwunden und kein Sieg im kaum wiedererrungenen deutschen Vaterland schien vollständiger zu sein, als der erbärmlichen Pfahlbürgerthums und kriechender Servilität über das eigene Nationalgefühl.
Wem diese Zustände noch im Gedächtniß haften, der erinnert sich auch der liebsten patriotischen Wünsche der Kleinstaatseelen jener Zeit. Sie lagen sehr nahe: Jeder wünschte, so oft er die Landkarte betrachtete, entsprechende Vergrößerungen für sein kleines Heimathreich. Der Weimaraner träumte keinen schönern Traum, als wenn er seinen Großherzog als König von Thüringen in seiner Hauptstadt Erfurt sah; der Sachse schwärmte für die Wiedervereinigung der abgerissenen Theile und wo möglich noch einiger wohlgelegenen Stücke mehr mit dem
Friedrich Hofmann: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Einundzwanzigster Band. Bibliographisches Institut, Hildburghausen 1860, Seite 260. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_21._Band_1860.djvu/270&oldid=- (Version vom 23.1.2026)