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| Friedrich Hofmann: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Einundzwanzigster Band | |
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dieses ist dann im hohen Grade reich an Mannichfaltigkeit des Einzelnen, welches aber immer im vollsten Einklange mit dem Uebrigen steht, mag es an und für sich auch noch so verschieden erscheinen. Die Verzierungen sind erhaben und gewöhnlich unbemalt, wogegen man die Farben in den Vertiefungen auftrug. Dadurch erscheinen die Arabesken und Buchstabenreihen wie die Maschen eines über eine bunte Fläche gelegten Spitzengewebes. Alle einfarbigen Flächen sind mit Arabesken übersponnen, alle glatten Flächen dagegen, namentlich die Sockel in den Säulengängen und Zimmern aus gebrannten und verglasten Thonsteinen zusammengesetzt, welche buntfarbige Bilder darstellen. Die Säulen bestehen aus Marmor, sind ungemein schlank und tragen zierliche Knäufe. Selten lastet der schwungvolle Hufeisenbogen auf einer Säule allein; es treten vielmehr gewöhnlich ihrer zwei und in den Ecken wohl auch ihrer drei und vier zusammen, um einen Bogen zu stützen. Die Decken sind entweder aus Holzgetäfel zusammengesetzt, oder Kuppeln mit einem Hängewerk aus Tropfsteingebilden.
Der Mirtenhof ist der Vorhof zu den noch erhaltenen Theilen des Schlosses und war es früher auch für den Winterpalast. Man hat die Eintrittshalle zu letzterem zu seiner Rechten, das Thor zum Saale der Gesandten zu seiner Linken, gerade vor sich aber die Thüre nach dem Löwenhofe; der Mirtenhof ist klein; seine Länge beträgt nur 150, seine Breite etwa 80 Fuß. Ein länglich viereckiges Steinbecken, an dessen beiden Längsseiten die Mirtenhecken hinlaufen, läßt von dem Hofe eigentlich bloß breite Seitengänge übrig. Aber gerade dieses Becken ist seine Schönheit; es ist ein wahrer Zauberspiegel, gleichsam dazu bestimmt, den Geist auf alles nun Kommende vorzubereiten. Der Darro füllt es, wie alle übrigen Wasserbehälter der Burg, mit klarem, frischem Wasser an, und Hunderte von Goldfischen treiben darin ihr lustiges Spiel; aber die Mirtenhecken werfen einen wunderlieblichen, grünen Duft auf seine Oberfläche und dieser legt sich dann wiederum als Zugabe auf das herrliche Spiegelbild, welches die Bogengänge und Eingangshallen der beiden schmalen Seiten in dem niemals von einem Windhauche berührten Wasser hervorzaubern. Ich weiß noch heute nicht, ob das Spiegelbild nicht noch schöner ist, als die Gebäude selber; denn mir kam es immer vor, wie ein wonniger Traum gegenüber der Wirklichkeit, deren Farben vor denen eines Traumbildes gewöhnlich erbleichen müssen. Wir Alle haben lange, lange still gestanden und in’s Wasser geschaut und sind fast trunken geworden im Anschauen dieser Zauberei in Stein und Wasser.
Zwei Hufeisenbogen, in denen ein ganzes großes Zauberwerk von Gyps hängt und schwebt, wie die Arbeiten der Berggeister in Tropfsteinhöhlen, fesseln demnächst das Auge. Wenn man eines der durch sie überwölbten Thore durchschreitet, gelangt man in den rings um den Löwenhof laufenden Säulengang und schaut durch den von 20 schlanken Marmorsäulen getragenen, mit einer reichen Holzkuppel überdachten Vorbau auf den Löwenhof mit seinen Brunnen, den tempelartigen Säulenhof des Saales der Gerechtigkeit und die beiden Thorhallen des Saales der Aben-Serragen und der zwei Schwestern. Es blitzt und leuchtet, flimmert und glänzt in die
Friedrich Hofmann: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Einundzwanzigster Band. Bibliographisches Institut, Hildburghausen 1860, Seite 20. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_21._Band_1860.djvu/30&oldid=- (Version vom 14.1.2026)