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| Friedrich Hofmann: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Einundzwanzigster Band | |
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Augen, daß man Zeit haben muß, um zu wissen, fest davon überzeugt zu sein, das Ganze werde sich nicht in Nichts auflösen und wie eine schillernde Seifenblase zerplatzen. Doch nein! Einer der Feenpaläste aus Tausend und Einer Nacht steht wirklich und wahrhaftig vor dem Beschauer, als verkörpertes Bild arabischer Dichtung, als ein Gedicht in Stein. Der Geist räumt das schwere Dach, welches die zierlichen Säulen zerdrücken möchte, leicht hinweg und sieht nur den durch eines Zauberkünstlers Hand belebten Stein, der ihn mit seinen Wundergaben entzückt, sieht den Bau wie er ist und wie er war zur selben Zeit. Man will es nicht glauben, daß dieses Schloß nur als todtes Ueberbleibsel vergangener Tage voll Pracht und Schimmer und Ruhm und Glanz erscheine; denn ohne daß man weiß, wie es geschehen mag, kommt zu dem Leben im Stein noch Leben in Bildern. Die Seele malt sich jene Tage aus, in denen arabischer Klang hier laut wurde, und schmückte ihre Traumgebilde treulich mit der Frische und den uns fast unverständlichen Farben, welche eben nur das Morgenland erzeugen kann.
Der Löwenhof ist 126 Fuß lang und 73 Fuß breit. 146 Säulen tragen den Rundgang und die beiden sich gegenüberstehenden Vorbaue; 3 Springbrunnen an jeder der schmälern Seiten und einer unter jedem Vorbau kühlen ihn und diese, der große Löwenbrunnen den Hof selbst. Leider spielen die Wasserwerke jetzt nur bei seltenen Gelegenheiten. Ich hatte das Glück nicht, sie in ihrem Perlenglanze zu sehen.
Früher waren die Säulen des Löwenhofes unbedingt die schönsten der Alhambra, noch schöner als jetzt: der maurische Bildhauer hatte auch ihre Schäfte mit seinen Arabesken übersponnen. Nun kam aber eine böse Zeit für das herrliche Schloß: Zigeuner nahmen Besitz von ihm. Und als dann die spanische Regierung den Verfall aufhalten und das Beschädigte wieder herstellen lassen wollte, wurden die mit dieser Arbeit Beauftragten anstatt zu Erhaltern, zu Zerstörern, als müßten die Spanier noch heute der auf die Alhambra geschleuderte Fluch sein oder ihn wenigstens vollziehen. Die von Madrid hierher gesandten Bildhauer fanden nämlich die Wiederherstellung des Arabeskenschmucks zu schwierig und vertilgten deshalb einfach die dem Stein anvertrauten Dichtergedanken der maurischen Künstler: sie schabten die Säulenschäfte glatt! So erscheinen diese jetzt noch schlanker, als sie früher gewesen sind – jedoch, da man nicht ahnt, was sie verloren, noch immer vollkommen schön. Sie sind 10 Fuß hoch und haben nur 8 Zoll im Durchmesser; deshalb machen sie fast den Eindruck, als ob sie zu zierlich, zu gebrechlich wären: aber gerade darin mag wieder das Wunderbare des Gesammtbildes liegen. Jeder Vorbau ruht auf 20 ihrer Gattung; die meisten stehen paarweise; in den Ecken treten ihrer wohl auch 3 und 4 zusammen. An jeder einzelnen liest man den Wahlspruch und die Worte: „An lamu lahna ibn Abd-Allah“ („Der Sohn Abd-Allahs hat uns gegründet“). Der Bogengang ist mit einfachen und verglasten Ziegeln geplattet und mit Holz gedeckt. Jedes Feld ist anders, jedes ist verschieden; aber jedes ist gleich kunstvoll und steht mit dem Ganzen durchaus im Einklange. Die Uebereinstimmung der sehr reichen Verzierungen ist so groß, daß man die
Friedrich Hofmann: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Einundzwanzigster Band. Bibliographisches Institut, Hildburghausen 1860, Seite 21. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_21._Band_1860.djvu/31&oldid=- (Version vom 14.1.2026)