Seite:Meyers Universum 21. Band 1860.djvu/35

Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal korrekturgelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig.

sprechen: aber die hinter einander stehenden, immer kleiner werdenden Thorbogen, welche man von drüben aus übersieht, sind doch gar zu wunderbar, als daß man ein neues Aufjauchzen über alle dem Auge gebotene Pracht unterdrücken könnte. Man möchte hier alles Gesehene vergessen können, um nur der Vergleichung überhoben zu sein; denn dieses ewige Vergleichen stört die wohlige Ruhe der Betrachtung. Man fühlt, daß es hier keinen Maßstab gibt, das Schöne zu messen, und quält sich gleichwohl, einen zu suchen, um ihn anlegen zu können. Nur Eines wird beim Vergleichen deutlich: daß der in seinen Verhältnissen kleine Raum großartig werden kann, wenn, wie hier, die reichste Bildnerei gewirkt und Zierlichkeit an die Stelle des Riesenhaften gesetzt hat. Mag man die arabische Baukunst auch auffassen, wie man will, Eines muß man ihr lassen: ihren, uns Nordländer förmlich verwirrenden Reichthum oder ihre Bildungsfähigkeit. Der Saal der beiden Schwestern ist nicht minder reichhaltig in seinem Schmuck, als sein Seitenstück, und doch wieder ganz anders. Die Grundgestalt des Raumes ist dieselbe hier wie dort; die Kuppel des Saales der beiden Schwestern fußt auch auf einem achtstrahligen Stern, und an den untern Theil des Gemachs reihen sich ebenfalls kleine Nebenzimmer an; und gleichwohl ist er wieder ein besonderes Stück des großen, durch und durch einhelligen Ganzen, eine neue Ausführung des geistvollen Grundgedankens. An Gedichten ist er fast überreich. Außer den oben erwähnten finden sich in ihm noch Hunderte von Sprüchen und Reimen.

Er führt seinen Namen von zwei großen, sich vollkommen gleichenden Marmorplatten des Fußbodens, welche neben dem keinem Zimmer fehlenden Springbrunnen liegen. Von seinen drei Nebengemächern ist der Saal der Lindaraja mit seinem Erker unbedingt das schönste. Der über dem Fenster des letzteren sich wölbende halb vortretende, äußerst reiche Bogen schließt die Reihe der erwähnten 6 Wölbungen, welche man vom Hofe aus sieht. Durch die von ihm gekrönten Fenster schaut man in den Garten der Lindaraja hinab, in welchem die weltberühmten Rosen der Alhambra das ganze Jahr hindurch blühen und allen Reisenden sich selbst zum werthvollen Erinnerungszeichen bieten. Diese Rosen in dem heimlichen, so recht im Herzen des Schlosses liegenden Garten sind mir als eigentliches Sinnbild der Alhambra erschienen. Denn wie wir jede einzelne Rose besonders lieben und dadurch erst ihr ganzes Geschlecht mit der Krone des Königthums unter den Blumen begaben und schmücken: so erscheint uns auch jeder einzelne Raum der Alhambra einer besonderen Bewunderung oder Liebe werth, und erst aus der Vereinigung aller Eindrücke erlangen wir das zauberhafte, unser ganzes Wesen und Sein umstrickende und fesselnde Gesammtbild des ganzen Schlosses. Jede einzelne Rose erscheint mir wie ein lieber Mensch, und jedes einzelne Zimmer der Alhambra wie eine Rose. Deshalb finde ich es auch so schön gedacht, sich diese Blumen zum Wahrzeichen an wunderbare, reiz- und glanzvolle Stunden mit in die Heimath zu nehmen. An den Rosen der Alhambra haftet noch nach Jahren ein unaussprechlich lieblicher Duft: die