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| Friedrich Hofmann: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Einundzwanzigster Band | |
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ganze Dichtung des Wunderschlosses selbst. Diese Kleinode leuchten aus dem außerdem noch mit goldenen Orangen und Citronen geschmückten Garten nach dem Erker der Lindaraja herauf und bringen ihm noch neuen Schimmer und Glanz zu dem alten. Daher mag es wohl kommen, daß jeder Reisende hier wieder lange, lange festgehalten wird. Doch ist der Saal mit seinem Erker auch ohne die blühenden Rosen unten im Garten reich an selbsteigener Schönheit. Da er lang und schmal ist, überdeckt ihn keine Kuppel, sondern nur ein Tonnengewölbe mit Tropfsteinnachgebilden; aber in diesem Gewölbe bringen 13 kleine, zugleich verschiedene Kuppeln eine außerordentliche Mannichfaltigkeit hervor. Die kufische Schrift bildet auch hier wiederum den Rahmen zu der arabischen oder tritt selbstständig als Schmuck der Gesimse auf. Die übrigen Nebengemächer sind zierliche Schlafzimmerchen.
In der einmal begonnenen Richtung weitergehend, gelangt man, nachdem man einige dunkle Gemächer durchschritten und dem Gefängniß der wahnsinnigen Königin Juana einen Blick geschenkt hat, zu dem Erker der Königin und damit zu einem neuen Theile der Alhambra; denn nunmehr hat man zu dem Blicke auf das Innere auch den nach Außen. Der Erker ist auf Befehl der Königin Isabella der Katholischen verstümmelt worden, indem die arabischen Zierrathen mit Gyps überworfen und durch einfache Wandgemälde ersetzt wurden. Zu Zeiten der Mauren diente er dem Könige als Betzimmer und hat sicherlich seinem Zwecke entsprochen, wie selten ein anderer Raum. Denn wenn die Stunde des Frühgebetes den König hierherberief und er, sich nach Osten wendend, seine Augen erhob, sah er von hier aus die schimmernden Gipfel des Schneegebirges überhaucht von dem ersten Golde des Morgens, mit ihren silbernen Kuppeln gleichsam Schriftzeichen auf purpurnem Grunde bildend, welche nur die Worte: „Rüste Dich zum Gebet!“ enthalten konnten. Wenn zur Mittagszeit der Muëddihn den Glaubensspruch vom schlanken Thurme der Moschee herabrief, und er hierher zum Beten ging, mußte er wohl einen Blick auf die im Mittagssonnenglanze unter ihm liegende Stadt werfen, und gewiß webte sich das empfangene Bild seinem Gebete als Mahnung ein, ein gerechter Herrscher sein zu wollen über Die da unten. Und wenn er nach vollbrachtem Tagewerke ein Dankgebet mit vollem Herzen bringen konnte, woben sich ihm hier die Strahlen der untergehenden Sonne als schönste Königskrone um das Haupt; ja selbst zur Zeit des Nachtgebetes noch sah er von hier aus nach Westen hin den Himmel golden glühen. Dieser Erker war noch ein würdigerer Ort zum Beten, als er jetzt zum Ausschauen ist: doch darf es uns nicht Wunder nehmen, daß die christliche Königin den ersteren Zweck vergaß und nur des letzteren gedachte. Die Anschauung der damaligen Zeit sah selbst in den heiligsten Orten der Mauren nur Götzentempel des blinden Heidenthums und gestaltete sie sich nach Laune und Bedürfniß beliebig um. Nun war und ist das alte Betzimmer gerade ein herrlicher Platz, um Umschau zu halten: deshalb erwählte ihn Isabella vor allen andern dazu, die eroberte Stadt mit Herrschergenuß zu übersehen. Das damalige Granada, die heutige Vorstadt Albaicín, lag gerade gegenüber und bot sogar das
Friedrich Hofmann: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Einundzwanzigster Band. Bibliographisches Institut, Hildburghausen 1860, Seite 26. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_21._Band_1860.djvu/36&oldid=- (Version vom 14.1.2026)