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| Friedrich Hofmann: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Einundzwanzigster Band | |
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Staaten, in denen lediglich der Wille eines Einzelnen gilt. Japan hat eine einflußreiche politische Aristokratie der Geburt, welche den Chinesen fehlt; diese haben dagegen die Bureaukratie bis auf das äußerst Mögliche hinaufgeschraubt. Das Volk in Japan erfreut sich gesetzlich festgestellter Rechte, wie denn überhaupt im Lande die Herrschaft des Gesetzes gilt, und nicht jene der Willkür. Schon aus diesem Grunde müssen wir dem Reiche Japan einen gebührenden Platz unter den civilisirten Staaten anweisen. Nicht bloß in materieller Entwickelung sehen wir die Japaner auf einer sehr hohen Stufe, sie gehören nicht bloß zu den besten Ackerbauern, Gärtnern und Gewerbsleuten in der Welt, sondern nehmen auch in Bezug auf geistige Ausbildung einen hervorragenden Rang ein. Ihre Literatur ist reich und mannichfaltig, sie zeigen einen sehr feinen und ausgebildeten Sinn für die schönen Künste, sie sind regsam, erfinderisch, tapfer als Krieger zu Lande und unerschrocken auf der See, ihr Familien- und Gesellschaftsleben bietet mannichfache Uebereinstimmung mit unseren europäischen Verhältnissen.
Griechen und Römer waren ohne Kunde von diesem fernen Lande; erst im späten Mittelalter drangen einige Angaben über dasselbe durch den venetianischen Reisenden Marco Polo nach Europa. Als in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts die Portugiesen und mit ihnen die Jesuiten nach Japan kamen, waren sie in hohem Grade betroffen über die Vortrefflichkeit von Regierung und Volk in jenem östlichen Inselreiche. Der heilige Xaverius nannte die Japaner in einem Briefe an Ignaz Loyola „sein Entzücken und seine Herzensfreude.“ Als die Europäer erschienen, wurden sie gastlich empfangen und willkommen geheißen, das ganze Land stand ihnen offen und sie durften in jedem beliebigen Hafen Handel treiben. Noch mehr, es war ihnen nicht verwehrt, Grundeigenthum zu erwerben, Häuser zu bauen und ihre Religion nicht nur frei auszuüben, sondern dieselbe nach Belieben unter den Eingeborenen zu predigen und zu verbreiten. Die japanischen Kaiser zeigten sich duldsam und aufgeklärt, während Europa von Religionskriegen zerfleischt wurde und Herzog Alba in den Niederlanden wüthete. Japan befolgte eine freisinnige Handelspolitik, als Europa nur Monopole und Privilegien und Ausschließungen kannte. Die Lehre der Christen gewann schnell viele Bekenner, deren Zahl nach einigen Jahrzehnten schon auf einige Millionen angewachsen war. Der Kaiser hatte erklärt: „Es kommt mir nicht darauf an, ob eine Religion mehr im Lande verkündigt wird, da deren ja schon 32 vorhanden sind.“ Aber die christlichen Mönche wurden bald übermüthig, ihre Anhänger bildeten eine politische Partei, und die Jesuiten strebten danach, die Krone auf das Haupt eines ihnen ergebenen Prinzen zu sehen. Der Kaiser erfuhr von den Uebergriffen und Gewaltthätigkeiten, welche die Spanier und Portugiesen sich in andern Ländern Asiens und in Amerika zu Schulden kommen ließen; er sah in den europäischen Priestern nur noch Aufwiegler und wurde in dieser Ansicht von den protestantischen Engländern und Holländern bestärkt. Endlich brach ein Verfolgungskampf gegen die Christen aus, der zu einem Vernichtungskriege wurde. Nach entsetzlichen Grausamkeiten wurden die Christen völlig ausgerottet.
Friedrich Hofmann: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Einundzwanzigster Band. Bibliographisches Institut, Hildburghausen 1860, Seite 34. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_21._Band_1860.djvu/44&oldid=- (Version vom 16.1.2026)