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| Friedrich Hofmann: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Einundzwanzigster Band | |
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Erfindungstalent von Mark und Kraft, geistig reich begabt, gewerbsam, fleißig, voll Geschmack und mit einem hohen Sinne für Zierlichkeit ausgestattet, ausdauernd, duldsam, wißbegierig, scharfsinnig, erfüllt mit Achtung vor Wissenschaft und Kunst. Aber der Japaner ist auch stolz, ehrgeizig, rachsüchtig; im Verkehr findet man ihn rechtschaffen, er beobachtet den Anstand mit großer Förmlichkeit; er ist ungemein sauber, und bei dem allgemeinen Wohlstand ist die Zahl der Bettler gering. Jedermann lernt lesen und schreiben.
Wir haben besonders hervorzuheben, daß unter allen Asiaten nur allein die Japaner eine Gesellschaft im europäischen Sinne kennen. Nur bei ihnen hat die Frau eine nicht unwürdige Stellung; sie ist nicht Dienerin des Mannes, sondern dessen Hausfrau, Gattin und Lebensgefährtin, und wird mit Achtung behandelt. Japan kennt ein Familienleben, und auf die Erziehung der Töchter wird Sorgfalt verwandt. Allerdings haben manche reiche Leute mehr als eine Frau, aber die erste Frau ist Herrin des Hauswesens und die Einweiberei überwiegt bei weitem die Polygamie. In China gilt das Weib für gar Nichts, das Gesetz nimmt keine Kunde von ihm, außer um drückende Verfügungen einzuschärfen. Der Chemann darf seine Frau schlagen, kann sie Hungers sterben lassen, verkaufen oder auf eine ihm beliebige Zeit vermiethen; die Knechtschaft der chinesischen Frau ist im Hause und im öffentlichen Leben gleichsam dreifach besiegelt. Aber in Japan erweist man ihr Ehrerbietung, sie hat eine gewichtige Stimme in allen Angelegenheiten des Hausstandes abzugeben und die freie Bewegung bleibt ihr unverkümmert. Sie ist nicht von der Gesellschaft ausgeschlossen, sondern bildet einen wesentlichen Bestandtheil derselben. Die Japanerin hat nicht selten feine Formen, sie zeigt große Lebhaftigkeit, ohne den Anstand zu verletzen, tritt sicher auf und ihr liebenswürdiges Temperament wird allgemein gerühmt. Freilich ist es ein in den Augen des Europäers häßlicher Brauch, daß die Japanerin, sobald sie sich verheirathet hat, die Zähne schwarz färbt; auch ist sie nach unsern Begriffen zu klein, um uns schön zu erscheinen; das starke Einbinden vermittelst breiter Gürtel wirkt nachtheilig auf das Ebenmaß des Wuchses und gibt den Füßen eine Haltung nach einwärts; die Japanerin hat deshalb keinen hübschen Gang. Aber das Mädchen prangt in frischer Farbe, und der Teint ist durchschnittlich nicht eben viel dunkler wie bei den Südeuropäerinnen.
Auch führen die Japanerinnen ein geselliges Leben. DerMann hindert die Hausfrau und seine Töchter nicht, den Freundinnen Besuche zu machen; sie gehen spazieren, denn man verkrüppelt ihnen die Füße nicht, wie in China, und lassen sich von einer Dienerin begleiten oder in einer Sänfte tragen. Betrachten wir uns eine Dame der mittleren oder höheren Stände in einer Theegesellschaft. Nachdem sie eingetreten ist, reicht man ihr die Tabakspfeife, denn auch die Damen rauchen; es gehört zum guten Ton, daß die Frau vom Hause der Freundin, welche zum Besuche kommt, die gestopfte Pfeife anrauche und mit verbindlichen Worten überreiche. Dann wird der Thee gegeben, welchen die Japanerin sehr sorgfältig bereitet. Sie nimmt die feinsten Blätter von der
Friedrich Hofmann: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Einundzwanzigster Band. Bibliographisches Institut, Hildburghausen 1860, Seite 36. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_21._Band_1860.djvu/46&oldid=- (Version vom 16.1.2026)