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| Friedrich Hofmann: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Einundzwanzigster Band | |
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Wer auf der Kapuzinerbrücke zu Cilli steht und mit den Augen den grünen Fluthen des Stroms folgt, stößt mit dem Blick bald an eine Felsenreihe, über welche ein kräftiger Wald sich erhebt, wiederum von Felsen übergipfelt, und auf den schwindelnden Höhen ragen Thürme und Mauern mit öden Fensterhöhlen und im grauen Gewande einer untergegangenen Zeit: die Ruinen von Ober-Cilli, des einst prächtigsten Schlosses weit und breit, in welchem die Herren wohnten, die das ganze umliegende Land beherrschten, Fürsten zu Genossen und Kaiser zu Gönnern und Gästen hatten. Ihr Geschlecht ward „für ewige Zeiten“ zu Grafen von Cilli erhoben. Dies geschah vor 519 Jahren, und schon seit 380 Jahren sind diese ewigen Zeiten vorüber, nichts ist von der Macht und Herrlichkeit erhalten, als jene Ruinen und in der deutschen Kirche Cilli’s der Thron der Grafen mit dem Sternenwappen und in einem Glasschranke hinterm Hochaltare – 18 Todtenköpfe der erlauchten hochseligen Herrscher.
Diesem Burgberge gegenüber, am andern Ufer der Sau, erhebt sich der Nikolaiberg. Seinen Gipfel schmückt ein armes Kirchlein. Wer aber das Fundament derselben untersucht, findet, daß umgestürzte Marmorsäulen den Grund ihrer Mauern bilden, und der Alterthumsforscher will daher wohl nicht mit Unrecht hier die Stätte erkennen, auf welcher einst ein im weiten Reiche berühmter Marstempel der Römer prangte. Denn Cilli, die jetzt unbedeutende österreichische Provinzialstadt, war zur Römerzeit ein angesehener Ort. Kaiser Claudius gründete hier eine Kolonie für die römischen Legionen, aus ihr entwickelte sich die Stadt Claudia Celeja, die allgemach ein weit größeres Gebiet bedeckte, als das heutige Cilli, und in welcher mächtige Prokonsuln ihren Sitz aufgeschlagen hatten, wie Pertinax, Septimius Severus, Valerianus und Aurelianus, die sich sämmtlich den Weg zum Kaiserthron bahnten. Der römische Glanz Cilli’s erblich in den Stürmen der Völkerwanderung, nichts hat sich erhalten von allem Schmuck der Kunst an den Prachtbauten des Luxus, als wenige Trümmer, die, seit Karl der Große die neue Stadt auf den Trümmern der alten gegründet, nach und nach aus dem Schutt hervorgezogen und ohne Wahl und Sorge für deren Erhaltung in die ersten besten Neubauten eingemauert wurden. Nur ein Werk jener Römer, die vor Allem bei ihren Städtebauten für die Gesundheit ihrer Bürger sorgten, ist ein kostbares Geschenk für die jetzigen Bewohner geworden: die Kloakenleitung, die man im Jahre 1822 wieder auffand und, soweit die jetzige Stadt reicht, wieder nutzbar machte. Das Gewölbe derselben ist von weißem Marmor des Bachergebirgs und im Lichten fünf Fuß hoch. So hat Cilli aus dem Heidenthume die beste Gabe seiner Vergangenheit empfangen. Das Mittelalter hat ihm nur noch eine Sehenswürdigkeit verliehen: die Seitenkapelle der Hauptkirche, die Keiner ungesehen lassen sollte, der des Weges kommt und für eine reine Perle der altdeutschen Baukunst und Skulptur ein Auge hat.
Friedrich Hofmann: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Einundzwanzigster Band. Bibliographisches Institut, Hildburghausen 1860, Seite 69. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_21._Band_1860.djvu/79&oldid=- (Version vom 17.1.2026)