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| Friedrich Hofmann: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Einundzwanzigster Band | |
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Verweilen wir länger auf der Sau-Brücke, so kann uns noch mancherlei begegnen, was uns in das Herz greift und bald mit Jammer, bald mit Hoffnung erfüllt. Zur Rechten, von wo wir zu unserm Standpunkt herabgestiegen sind, ragen die grauen Mauern des Kapuzinerklosters über das lachende Grün des Hügels empor. Ganze Züge von wendischen Landleuten wallen, die Rosenkränze zwischen den Fingern und Gebete murmelnd, an uns vorüber, der hohen Pforte der Klosterkirche zu. Es ist nicht Sonntag, die Geistlichkeit hat dafür gesorgt, das „Bete und arbeite“ so zu verdrehen, daß aus dem Gebet selbst eine Arbeit für das arme blinde Volk geworden ist. Man läßt an rauschenden Bächen das Gras der Wiesen verdorren, um den Himmel um Regen anzuflehen, und legt die Wachsnachbildungen der kranken Gliedmaßen vor dem Altar des Heiligen nieder, anstatt den Arzt mit seiner Wissenschaft zu Hülfe zu rufen; man beichtet dem Mönche Sünden, die er vergibt, bis man zu sündigen gewohnt wird, damit der Priester etwas zu vergeben habe. Dazu ist das Betteln, sonst von dem Sittengerichte aller Völker nur den ärmsten Erwerbsunfähigen zu Gute gehalten, von dem Alles entsittlichenden Pfaffengeist Männern in voller Kraft als „gutes Werk“ gestattet und vom armen blinden Volke als solches heilig gehalten. Gibt es noch häßlichere Gedanken, als den: daß ein gesunder und arbeitsfähiger Mensch zum Besten des Seelenheils seiner Mitmenschen, über welches eine als allweise, allgütig und allmächtig anerkannte Gottheit allein zu verfügen hat, sich zu faullenzen und zu betteln berufen fühlen kann? So oft ich die Terrasse des Kapuzinerklosters bestieg, von wo Gottes Segen auf Erden in solch herrlichem Bilde zu überschauen ist, zog sich der Flor der Trauer vor mein Auge über die Starrheit des Wahns, die, zum Ringen unfähig, durch die Gewalt des bessern Geistes der Zeit nur gebrochen werden kann. Ein bettelnder Mönch und ein knieerutschendes Volk – Leser, ich müßte dich hassen, wenn dir dieser Anblick die Zornader nicht schwellte; mir ist um beider willen diese Kapuzinerbrücke mehr als eine der vielen, die ich überschritten habe, und mehr als die in Venedig, – beim Gedanken an die hohe göttliche Bestimmung der Menschheit zum Menschenthum und beim Anschauen der absichtlichen Verkrüppelung des Menschengeistes – eine Seufzerbrücke geworden.
Bitterer noch steigt es in der Brust auf, wenn wir, zur Linken hin, jenseits der Sau und der Vogleina, die hier in jene mündet, den Blick wenden. Von dorther erschallen Gesänge, die weißen Kopftücher der Landfrauen schimmern in langen Reihen herüber, unterbrochen von schwarzen Männergruppen: dort führt einer der zahllosen Heiligenfeiertage das arme blinde Volk zum Calvarienberg. Die Nachbildung des Leidensgangs, der Marterstationen des Stifters unserer Religion gibt der Priesterschaft Veranlassung zu religiösen Aufzügen, zu welchen ganze Gemeinden sich unter Anführung ihrer Seelsorger vereinigen. Dies ist keine Sitte, die wir beklagen. Jede öffentliche Genossenschaft hat das Recht des öffentlichen Lebens; und je südlicher das Land, je beständiger
Friedrich Hofmann: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Einundzwanzigster Band. Bibliographisches Institut, Hildburghausen 1860, Seite 70. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_21._Band_1860.djvu/80&oldid=- (Version vom 17.1.2026)