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| Friedrich Hofmann: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Einundzwanzigster Band | |
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Anordnung; sie äußern ihr Bedauern laut über die Vernachlässigung des deutschen Unterrichts, sie fühlen, wie eng eingegrenzt im Erwerb und Verkehr sie durch den Mangel der Kenntniß der deutschen Sprache sind, wie weit sie in Bildung und Wohlstand gegen ihre deutschen Nachbarn in Obersteier und Kärnten zurückbleiben und wie gefährlich für das Volk die Armuth an Belehrungsmitteln ist, die sie in allen Lebenslagen vom Geistlichen abhängig erhält. Daher ist auch die Macht der Priesterschaft nirgends größer, als hier, nirgends begegnet man häufigeren und zahlreicheren Prozessionen und anderen kirchlichen Andachtsübungen und nirgends steht der Wohlstand tiefer; die fabelhafte Fruchtbarkeit der Thäler und Weinberge allein bewahrt die an sich verhältnißmäßig arme Bevölkerung des Landes vor dem Nothstande, welcher in anderen Gebirgsländern durch Uebervölkerung veranlaßt wird. Daß aber die wohlgepflegte Freundschaft des Priesterthums dem österreichischen Staate bis jetzt so wenig Heil gebracht hat, wie dem Kirchenstaate, dafür zeugt die Gegenwart des Kaiserreichs mit wahrhaft erschreckenden Thatsachen.
Solche Gedanken kommen Dir auf der Saubrücke, lieber Leser. Die Burgen siehst Du von den Bergen gesunken, die Vesten des geistlichen Herrscherthums, Klöster und Kapellen, erhoben sich an ihrer Statt, und ihre Macht reicht weiter und greift tiefer, als je die Willkür ritterlicher Dynasten vermocht hat. Man würde der Aussicht nicht froh, wenn nicht der Geist der neuen Zeit, der allen Geistern der Menschen, bis zu denen er vordringt, sein energisches „Vorwärts!“ zuruft, auch durch dieses Thal seine Spur gezogen hätte. Zwischen den Trümmern des Römertempels und des Grafenschlosses und zwischen den Hemmketten und Schlagbäumen des Kapuziner- und des Jesuitenklosters braust das Feuerroß der Dampfkraft auf der eisernen Bahn dahin und trägt auf ehernen Rädern frisches Leben in alle Länder, es zerreißt die Hemmketten der Aufklärung, rennt die Schlagbäume der Bildung nieder, bricht die Vesten der Verdummung und vor ihr erzittern die Bollwerke des Aberglaubens und jeder geistigen Knechtschaft. Es ist ein herzerhebender Anblick, wenn die sprühende Lokomotive den Menschenstrom aus hundert Ländern zwischen Jesuiten und Kapuzinern unaufhaltsam dahin reißt, des Nordens und des Südens Hände sich fassen und drücken zwischen Ruinen der Vergangenheit und dem erwachenden Leben der Gegenwart. Mit dem Dampfroß fährt der Geist, und der Geist wird in die Köpfe fahren, wie eng und fest sie auch der Mantel der künstlichen Nacht bis jetzt umhüllt haben mag.
Damit scheiden wir von unserem lieblichen Bilde, das uns von dem schönen Oesterreich ein so schönes Stück vor Augen hält. Der reiche Staat liegt in diesem Augenblick in seiner tiefsten Noth; zur Erkenntniß seines Reichthums führt ihn kein Priesterwort: es muß ihm neues Leben gegeben werden durch der Freiheit Geist. Weder Jesuiten noch Kapuzinerklöster senden ihm den Retter. Wenn nicht der Geist, der dem Dampfroß die siegreiche Kraft verlieh, der die Bahnen öffnet durch die verrostetsten Schlösser der Vorurtheile und der Selbstsucht
Friedrich Hofmann: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Einundzwanzigster Band. Bibliographisches Institut, Hildburghausen 1860, Seite 72. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_21._Band_1860.djvu/82&oldid=- (Version vom 17.1.2026)