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Zur Zeit Christi waren ohne Zweifel die jetzt nackten Abhänge des Oelbergs von dem Wasser der Teiche und dem noch fließenden Kidron benetzt. Gärten von Granat-, Orangen- und Olivenbäumen bedeckten mit einem düstern Schatten das enge Thal von Gethsemane. Der Held des Kreuzes konnte hier sich verbergen zwischen den Wurzeln einiger Bäume, zwischen den Felsen des Daches, unter dem dreifachen Schatten der Stadt, des Berges und der Nacht. Er konnte von hier aus die Schritte seiner Mutter und seiner Jünger belauschen, welche des Weges daher kamen, um ihren Sohn und ihren Meister zu suchen; die gegen sein Haupt sich erhebenden Drohungen, der laute Aufruhr der Stadt, drangen zu ihm herüber und vermischten sich mit dem klagenden Rauschen des Kidron, welcher seine Wogen zu seinen Füßen hinrollte; hier, in dieser stillen dunkeln Einsamkeit durfte auch das stärkste Menschenherz, das je für die Welt geschlagen, in seiner Verlassenheit erbeben und, von dem Schatten des Todes umweht, zu seinem Gott beten: „Herr, ist’s möglich, so gehe dieser Kelch von mir!“

Wir steigen höher. Eine Viertelstunde über dem Standpunkt des Zeichners liegt der Gipfel des Oelbergs; das Thal Josaphat, in welchem das jüngste Gericht in Scene gesetzt werden soll, gähnt aus einem dunkeln jähen Abgrund herauf. Jenseits springt die Stadt vor uns auf, ohne daß dem Auge ein Dach oder ein Stein entginge, wie der erhaben gearbeitete Plan einer Stadt, den der Künstler auf einem Tische ausbreitet. Es ist nicht mehr ein formloser verworrener Haufe von Staub und Trümmern, auf welchen einige Hütten von Arabern hingeworfen oder wo ein Paar beduinische Zelte aufgeschlagen sind; nein, es ist eine licht- und farbenschimmernde Stadt! Ihre blaue Moschee mit weißen Säulengängen, ihre tausend strahlenden Kuppeln, die Façaden ihrer goldgelben Häuser, ihre alten Thürme, und endlich mitten in dem Ocean von Häusern eine schwarze gedrückte Kuppel von größerem Umfange als die andern, und überragt noch von einer zweiten weißen, das heilige Grab und die Schädelstätte deckend, sie verschwimmen und versinken in einem unendlichen Labyrinth von Kuppeln, Gebäuden und Straßen. Das ist die heilige Stadt, von der Höhe des Oelbergs gesehen. Sie scheint noch in dem alten Glanze der Prophetenzeit zu strahlen oder nur auf ein Wort zu warten, um aus ihren siebzehn Zerstörungen wieder in blendender Schönheit hervorzugehen und jenes neue Jerusalem zu werden, „das aus dem Schooße der Wüste in leuchtender Klarheit aufsteigt“. Indessen, wenn man sie aufmerksamer betrachtet, findet man, daß es in derThat weiter Nichts ist, als eine schöne Vision der Stadt Davids und Salomo’s. Kein Geräusch erhebt sich mehr auf ihren Märkten und in den Gassen, keine Straßen mehr führen von ihren Thoren nach Ost und West, nach Süd und Nord, nur wenige Pfade schlängeln sich auf’s Gerathewohl zwischen den Felsen hin, und es begegnet einem Nichts als etwa ein halbnackter Araber, auf seinem Esel reitend, oder ein Paar Kameeltreiber von Damaskus, oder eine Gruppe Weiber aus Bethlehem oder Jericho, auf ihren Köpfen Körbe mit Trauben von Engaddi oder mit Tauben tragend, die sie unter den Terebinthen außerhalb der Stadt an diesem Morgen