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| Friedrich Hofmann: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Einundzwanzigster Band | |
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In St. Louis selbst sind unsere Landsleute zahlreicher, als die jeder andern Nationalität. Sie haben sich durch ihre Tüchtigkeit allgemeine Achtung errungen und gelten durchschnittlich für solide Kaufleute und Handwerker. Sie sind die Vertreter der Aufklärung, aufrichtige Freunde republikanischer Freiheit, Vorkämpfer des humanen Fortschritts, dem Schwindel in Geschäft und Politik abhold, mit andern Nationen verträglich, halten das alte Vaterland in Ehren, fördern Bildungsanstalten, sind bei allen nützlichen Unternehmungen betheiligt und pflegen deutsches Familienleben. Sie erringen sich Wohlstand und viele sind reich. Von den französischen Creolen sind nur einige lediglich durch glückliches Spekuliren, namentlich in Bauplätzen, keiner durch Thätigkeit, zu großem Vermögen gelangt, manche von ihnen treiben nach wie vor den Pelzhandel. Die Angloamerikaner haben vorzugsweise den Großhandel in ihren Händen, halten Gasthöfe, besitzen Dampfschiffe, Eisenbahnen, Bank- und Wechselgeschäfte; sie beleben die Spekulation, leiten Handel und Industrie, spielen in politischen Dingen die ersten Rollen; viele sind unverschämte politische Schwindler und Stellenjäger, und diese benutzen zu ihren Zwecken die auch dort, wie in ganz Nordamerika zahlreichen Parias der celtischen Race, die rothhaarigen Irländer, so weit die Priester es zugeben. Dritthalbtausend Italiener hängen, wie das auch in andern Ländern ihre Sitte ist, an gewissen Beschäftigungen, für welche sie eine besondere Vorliebe haben, z. B. am Handel mit Südfrüchten und Delikatessen. Einige Tausend Schweizer, meist fleißige, achtbare Menschen, schließen sich in St. Louis ihren deutschen Sprachgenossen an. Auch Tschechen, Böhmen und Ungarn leben in der Weltstadt am Mississippi, und selbst chinesische Kaffee- und Theehändler haben sich schon vor Jahren dort eingefunden.
Imponirend überrascht den von Osten Ankommenden der Anblick der Stadt. Die Häusermassen erheben sich in Terrassen vom Flusse und verlieren sich in fernem Nebel, aus dem Kuppeln, Kirchthürme und hohe Dampfessen aufragen. Eine Dampffähre landet den Reisenden, ganze Eisenbahnzüge, an dem linken Stromufer, der sogenannten Levée, mitten in einem unbeschreiblichen Drängen und chaotischen Gewirr, in welchem es kaum möglich erscheint, daß jeder Einzelne weiß, was er will. Da rollen schwere Lastwagen, die Fuhrleute schreien und treiben die Thiere an, der Staub wirbelt, die Dampfkessel der Schiffe brausen. Man kann diese Hafenstraße als ein ungeheures Schlachtfeld, nicht des Krieges, sondern des Friedens bezeichnen; die kolossalen Dampfer, welche in langer Reihe auf dem Wasser liegen, speien Waaren aus, um andere zu verschlingen. Es ist ein ohrzerreißendes Getöse. Nur am Sonntag ist Alles stille; dann hat, gleich seinen Bewohnern, das Ufer des Mississippi ein Feierkleid angelegt. Das Auge, das die Woche über so geschäftig auf der Erde sucht, schaut müßig nach der Sonne, die sich über die aus den Sümpfen von Illinois aufsteigenden Nebel erhebt und deren Strahlen in den Fluthen des majestätischen Stromes magisch erglänzen; nirgends ist Getümmel, der Staub ruht, der Himmel
Friedrich Hofmann: Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Einundzwanzigster Band. Bibliographisches Institut, Hildburghausen 1860, Seite 86. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_Universum_21._Band_1860.djvu/96&oldid=- (Version vom 17.1.2026)