Seite:Meyers Universum 21. Band 1860.djvu/97

Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal korrekturgelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig.

ist blau, weil der Athem der Essen ihn nicht schwärzt, die Räder klappern nicht, kein Fuhrmannskarren ist sichtbar; die verschlossenen Lagerhäuser sind verödet, die Lastträger fehlen; nur hie und da stehen verlassene Kisten und Ballen, die vielleicht armen Einwanderern gehören; leer ist das gepflasterte Gestade, auf dem an den Wochentagen die Erzeugnisse aus allen fünf Erdtheilen ein- und ausgeschifft werden. Aber am andern Morgen belebt es sich mit neuem Gewühl; dann erbraust die Levée wieder wie die Unterwelt, und der Mississippi ist schwarz von Kohlendampf umlagert wie der Styx.

Die Hafenstraße führt nach der höher gelegenen Haupt- oder Mainstraße. Dort nimmt der Kaufmann die Waaren in Empfang, welche aus dem Chaos an der Levée ihren Weg nach seinem Speicher suchen. Die Erzeugnisse aus dem tropischen Süden und Getreide des Nordens werden dort aufgestapelt, um in alle Welt weiter versandt zu werden. Auch noch weiter hinauf, in der zweiten Straße, wohnen viele Großhändler, aber zwischen und neben ihnen sehen wir viele Deutsche und hören vorzugsweise unsere Sprache in allen ihren Mundarten. Wir finden den deutschen Mittelstand, der es sich sauer werden läßt, aber auch zu Wohlstand gelangt, und nach vaterländischer Sitte „zum Seidel und Schoppen“ geht, die aus Dutzenden von Schenkstuben winken. Dort können wir unter Landsleuten manche interessante Bekanntschaft machen. An einem Tische sitzen Männer, deren Scheitel bereits gebleicht ist; einst waren sie flotte Studenten, die mit dem Schläger wohl umzugehen wußten, zogen dann nach anno dreißig in die neue Welt und gehören in St. Louis zu den Alten oder Grauen par excellence. Mit ihrem Corpus juris und der leidigen Dogmatik ließ sich aber in Missouri nicht viel ausrichten; Steine klopfen, taglöhnern, die Bauarbeit an Straßen oder Häusern nährte ihren Mann besser, und Manche griffen zum Pfluge; waren die Leute nur sonst tüchtig, so schlugen sie sich durch die äußere Noth, meist bis zum Wohlstand. Neben den Alten sitzen dann „Achtundvierziger“, die nun auch nicht mehr „grün“ sind, sondern sich längst im neuen Vaterlande zurecht gefunden haben. Als sie das alte verließen, um in die Verbannung zu gehen, sagten sie wohl: „Wir kommen wieder, wenn’s von den Bergen raucht!“ Aber sie bleiben in Amerika, in welchem sie unter schwerer Mühsal sich nunmehr eine zweite Heimath erobert haben.

Wir gehen an den alten französischen Hütten vorbei, die sich inmitten einer so ganz modernen Stadt wunderlich genug ausnehmen, und steigen zur vierten Straße hinan; dort ist die Luft schon rein und Alles erscheint geräumiger; man glaubt sich auf einen Boulevard oder eine Frankfurter Zeil versetzt. Wir wandeln auf breiten Seitenwegen an glänzenden Kaufläden vorüber und biegen in die breite Straße (Broadway) ein, die sich nach dem Norden der Stadt erstreckt und einen eigenthümlichen Anblick gewährt. Diese Straße führt ihren Namen mit vollem Rechte; sie ist an beiden Seiten überdacht und die breiten Seitenwege dienen den Fußgängern zum Durchgang, den Verkäufern als Ausstellungsplatz von Waaren. Sie bildet einen riesigen Bazar, auf