Seite:Meyers b6 s0323.jpg
| verschiedene: Meyers Konversations-Lexikon, 4. Auflage, Band 6 | |
|
|
An mehreren Stellen des Himmels, wo das freie Auge nur einen einfachen Stern wahrnimmt, bemerkt man mit dem Fernrohr zwei oder auch mehr einander sehr nahe stehende Sterne. Man bezeichnete solche nur durch das Fernrohr zu trennende Sterne als Doppelsterne oder, wo drei und mehr zusammenstanden, als mehrfache Sterne, eine Benennung, die sich zunächst bloß auf die äußere Erscheinung bezog und die Entscheidung, ob solche Sterne wirklich in einer nähern gegenseitigen Verbindung stehen, unberührt ließ. Es blieb vorderhand ganz unentschieden, ob die Doppelsterne nahe nebeneinander oder nur von unserm Standpunkt aus in fast gleicher Richtung hintereinander, vielleicht in sehr großem wirklichen Abstand, zu denken seien. Nähere Untersuchungen zeigen jedoch, daß mehrere Doppel- und vielfache Sterne nicht bloß scheinbar, sondern wirklich einander verhältnismäßig sehr nahe stehen; man nannte diese letztern physische Doppelsterne und unterschied von ihnen die bloß scheinbar benachbarten als optische Doppelsterne. Herschel der ältere teilte die Doppelsterne nach der von ihm beobachteten Distanz in vier Klassen, deren erste die Sterne bis 4 Sekunden, die zweite bis 8 Sekunden, die dritte bis 16 Sekunden, die vierte bis 32 Sekunden Distanz enthielt, in welcher Progression fortschreitend erst die achte Klasse Sterne von 5–8 Minuten Abstand umfaßt, die vom scharfen, unbewaffneten Auge noch unterschieden werden können. Struve bezeichnet im allgemeinen bloß die ersten vier Herschelschen Klassen, also bis zu 32 Sekunden mittlerer oder bis jetzt beobachteter Distanz, als Doppelsterne, macht aber darunter acht Abteilungen. Er durchmusterte von 1824 bis 1835 mit dem großen Fraunhoferschen Refraktor den in Dorpat sichtbaren Himmel bis zu 15° südlicher Abweichung, etwa 120,000 Sterne, und fand unter diesen 3112 Doppelsterne seiner acht Klassen, was ungefähr die sechsfache Zahl aller vor ihm mit der Distanz von höchstens 32 Sekunden bekannten ist. Diese verzeichnete er in seinem Katalog vom Jahr 1827, und 1837 erschien sein Hauptwerk: „Mensurae micrometricae stellarum duplicium“, welches die wiederholten Mikrometermessungen von 2641 Doppelsternen, durchschnittlich jeden viermal bestimmt, enthält. Von den ca. 6000 gegenwärtig bekannten Doppelsternen sind ein Zehntel als sich bewegend, mithin als physische Doppelsterne erkannt worden. Nach dem jetzigen Stande der Beobachtungen scheint sich die größte Anzahl der Doppelsterne auf der nördlichen Halbkugel des Himmels und zwar in der Andromeda, dem Bootes, Großen Bären, Luchs und Orion zu befinden; die südliche Halbkugel des Himmels außerhalb des südlichen Wendekreises ist nach dem jüngern Herschel arm daran. Eine merkwürdige Eigentümlichkeit der Doppelsternsysteme ist die Farbenverschiedenheit, welche häufig zwischen den zusammengehörigen Sternen stattfindet. Struve fand, daß von 596 Doppelsternen bei 375 Paaren beide Sterne gleich hell und gleichfarbig und zwar weiß sind; 101 Doppelsterne zeigen ähnliche Farben der Komponenten, und bei 120 Paaren, also einem Fünftel der ganzen untersuchten Anzahl, sind beide Sterne von ganz verschiedener Farbe, meist gelb und blau oder auch grün und blau. Von einer Anzahl Doppelsterne hat man Bahnen- und Umlaufszeiten berechnet, und nachstehend geben wir eine Tabelle solcher Bahnen. Es bezeichnet dabei ☊ den Knoten, d. h. den Positionswinkel der Durchschnittslinie der Himmelskugel (oder ihrer Tangentialebene am Hauptstern) und der Bahnebene (der Knotenlinie); λ die Entfernung des Knotens vom Periastron; γ die Neigung der Bahnebene gegen die Himmelskugel; e die Exzentrizität; T die Zeit des Durchganges durch das Periastron; P die Umlaufszeit (Periode) in Jahren; a die scheinbare große Halbachse der Bahn in Bogensekunden.
| Name des Sterns | ☊ | λ | γ | e | T | P | a | Berechner |
| 42 Haar der Berenice | 10,5° | 0,0° | 90,0° | 0,075 | 1839,6 | 25,5 | 0,50″ | Doberck |
| ζ Herkules | 214,3 | 284,9 | 43,7 | 0,448 | 1830,5 | 36,4 | 1,25 | Villarceau |
| Σ 3121 | 23,5 | 141,6 | 75,3 | 0,380 | 1846,8 | 40,6 | 0,71 | Doberck |
| η Nördliche Krone | 10,5 | 227,9 | 65,6 | 0,474 | 1805,7 | 42,5 | 1,02 | Villarceau |
| η Haar der Berenice | 22,3 | 215,5 | 60,7 | 0,286 | 1850,3 | 43,7 | 0,96 | Doberck |
| μ² Herkules | 57,9 | 156,4 | 60,7 | 0,302 | 1877,1 | 54,2 | 1,46 | „ |
| γ Südliche Krone | 229,1 | 75,4 | 111,3 | 0,699 | 1882,7 | 55,6 | 2,40 | Schiaparelli |
| ζ Krebs | 1,5 | 266,0 | 63,5 | 0,235 | 1853,4 | 58,9 | 1,29 | Mädler |
| 109,0 | 199,0 | 20,7 | 0,353 | 1869,3 | 62,4 | 0,91 | O. Struve | |
| ξ Großer Bär | 95,8 | 128,9 | 52,3 | 0,431 | 1816,9 | 61,6 | 2,44 | Hind |
| ΟΣ 298 | 14,6 | 342,5 | 56,2 | 0,487 | 1812,9 | 68,8 | 0,89 | Doberck |
| α Centaur | 86,1 | 291,7 | 47,6 | 0,050 | 1851,5 | 77,0 | 15,5 | Jacob |
| 21,8 | 59,3 | 82,3 | 0,667 | 1874,9 | 85,0 | 21,80 | Hind | |
| 25,5 | 45,9 | 79,4 | 0,533 | 1875,1 | 88,5 | 18,45 | Doberck | |
| γ Nördliche Krone | 110,4 | 233,5 | 85,2 | 0,350 | 1843,7 | 95,5 | 0,70 | „ |
| ζ Wage | 12,2 | 89,3 | 68,7 | 0,077 | 1859,6 | 95,9 | 1,26 | „ |
| Σ 3062 | 39,1 | 92,1 | 32,2 | 0,447 | 1835,5 | 102,9 | 1,27 | „ |
| ω Löwe | 148,8 | 121,0 | 64,1 | 0,536 | 1841,8 | 110,8 | 0,89 | „ |
| ξ Bootes | 26,4 | 117,8 | 36,9 | 0,708 | 1770,8 | 127,4 | 4,86 | „ |
| 4 Wassermann | 340,2 | 235,0 | 56,6 | 0,461 | 1751,9 | 129,8 | 0,72 | „ |
| γ Jungfrau | 5,6 | 313,7 | 23,6 | 0,879 | 1836,4 | 182,1 | 3,58 | Herschel |
| η Kassiopeia | 39,9 | 223,3 | 53,8 | 0,576 | 1909,2 | 222,4 | 9,08 | Doberck |
| 36 Andromeda | 93,8 | 115,7 | 51,9 | 0,654 | 1801,7 | 316,0 | 1,65 | „ |
| γ Löwe | 116,6 | 195,4 | 43,1 | 0,733 | 1741,0 | 407,0 | 1,98 | „ |
| Kastor | 27,8 | 297,2 | 44,6 | 0,329 | 1849,8 | 1001,2 | 7,43 | „ |
Die Erfahrung zeigt, daß auch hier die Bewegung, ebenso wie im Sonnensystem, nach dem Gravitationsgesetz von statten geht.
Eine ziemliche Anzahl von Fixsternen zeigt eine periodische Veränderlichkeit des Glanzes, bisweilen, wie schon bemerkt wurde, auch einen damit zusammenhängenden Farbenwechsel. Bei einigen hat man bereits die Dauer der Wechselperioden gemessen, andre erleiden dagegen seit mehreren Jahrzehnten oder auch Jahrhunderten entweder eine bloße Ab- oder Zunahme, andre zeigten den Lichtwechsel nur einmal
verschiedene: Meyers Konversations-Lexikon, 4. Auflage, Band 6. Bibliographisches Institut, Leipzig 1887, Seite 323. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_b6_s0323.jpg&oldid=- (Version vom 23.12.2025)