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des 19. Jhrh. Bd. II). Während dem Weiterbestehen dieser Verbindung in Berlin der Boden entzogen ist, sehen wir im Jahre 1811 Leute dieser „Vandalia“ mit Mecklenburgern eine neue „Vandalia“ in Jena gründen. Bald darauf, 1815, entsteht wiederum in Jena die „Jenaer Wehrschaft“, eine Vereinigung von Profeßoren und Studenten, die sich neben den wißenschaftlichen Studien kriegerischen Uebungen hingibt, um jeden Augenblik zur Verteidigung des Vaterlandes bereit zu sein. Eine ähnliche Verbindung entstand kurz vorher in Halle a./S. Alle diese Verbindungen standen unter dem Einfluß der Ideen Jahn’s, der zum Zwek kriegerischer Tüchtigkeit die Turnübungen eingeführt, und eine „Burschenschaftsordnung“ herausgegeben hatte. Auch Arndt riet in seinem 1815 erschienenen „Deutschen Studentenstaat“ zu einer wehrhaften Gliederung der akademischen Bürger. Durch den Umstand, daß viele Studenten bereits die Feldzüge gegen Napoleon mitgemacht hatten, und als Lützow’sche Jäger in die Hörsäle zurükgekehrt waren, wurden die „Landsmannschaften“, die an ihrem alten „Pauk-Comment“ festhielten, leichter für die neuen tugendbündlerischen Ideen gewonnen, und so entstand aus alten „Landsmannschaften“, aus Wehrvereinen und gänzlich unorganisirten Studenten, „Finken“, im Juni 1815 in Jena die „Burschenschaft“, eine gänzlich neue Sache mit ganz neuen Ideen, ein äußerlich durch die Revoluzjonsstürme und die Napoleon’schen Kriege, innerlich durch ein höheres Freiheitsverlangen und grandjosere Weltauffaßung entstandenes Bedürfnis der jüngeren, gebildeten Deutschen, sich auf sich selbst zu besinnen und sich zusammen zu schließen; entwiklungsgeschichtlich ein Kompromiß der feineren und hoch-idealistischen Impulse des Tugendbundes mit den überkommenen und barbarischen Gebräuchen der Landsmannschaften.[1]

In diesen Kreis trat Sand. Es ist eigentümlich, daß er bereits in Tübingen im April 1815, also zwei Monate vor Gründung der Burschenschaft in Jena, nach Ausweis der Akademischen Senats-Akten in einer Verbindung „Teutonia“ rezipirt erscheint, deren Statuten zweifellos rein-burschenschaftliches Gepräge tragen, und die eine noch weit heißblütigere Sprache reden, als der Jenenser Entwurf: „Zwek unseres teutonischen Vereins – heißt es da – ist echter deutscher Burschengeist, hohe Achtung und warme Liebe für unser Vaterland, glühender Haß gegen deßen äußere und innere Unterdrüker, feurige Vorliebe für unsere akademische Freiheit, unantastbare Ehre, die sich vor keiner irdischen Hoheit und Macht beugt …“ u. s. w. [Acten-Auszüge 96]. Man sieht, der Tugendbund hatte auf seinem Weg nach dem Süden mehr Farbe und Wärme bekommen. Er sprach jezt ganz anders als in Königsberg aus dem Munde des Herrn Mosqua. In Erlangen gründete Sand dann 1816 selbst mit 40 Komilitonen eine Burschenschaft, in der deutlich Anklänge an Schiller und Wilhelm Tell’s „Rütli“-Schwur zu finden sind, die wiederum „Teutonia“ hieß, deren Vorstand er selbst zweimal gewesen, und deren Konstituzjon er unter dem Titel „Erlanger Burschenbrauch“ selbst ausarbeitete [Acten-Auszüge 102. Tagebücher 41, 59–69, 87]. Berüksichtigt man dies, und berüksichtigt man die ganze Schreibweise Sand’s, dann erscheint es in hohem Grade wahrscheinlich, daß er auch der Verfaßer der eben mitgeteilten, warmblütigen Tübinger Konstituzjon ist. Sand war damals 20 Jahre alt. –

Es ist ein eigentümlicher psichischer Zustand, in dem sich damals viele junge Leute in Deutschland befanden. Es ist durchaus falsch, wenn man einzelne Aeußerungen Sand’s herausgreift, wie es Karl Braun tut, um deßen Exaltirtheit zu erweisen, und ihn so, da man ihm nicht anders beikommen kann, von sich abzuschütteln[2].

Auch die burschenschaftlichen Historien-Schreiber sind von


  1. In der Verfaßungs-Urkunde heißt es „Freiheit und Ehre sind die Grundtriebe des Burschenlebens: die erstere: Ausbildung und Auslebung der gesamten Persönlichkeit im Geiste der Universität. Selbstgefühl ist die Wurzel der Ehre. Brüderlicher Sinn und das Gemeingefühl, zu einem Ganzen zu gehören, fordern auf zu Verein und Verbindung. Frühere akademische Verbindungen, Brüderschaften, Kränzchen, Orden, Landsmannschaften waren kleinlich und sündhaft, und haben darum ihren Untergang gefunden. Nur solche Verbindungen, die auf den Geist gegründet sind, auf den Geist, der uns das sichern kann, was uns nächst Gott das Heiligste und Höchste sein muß, nämlich Freiheit und Selbständigkeit des Vaterlandes, sind dem Wesen der Hochschulen angemeßen. Eine solche Verbindung der Burschen nennen wir eine Burschenschaft.“ [Schneider 27]
  2. Sand erließ z. B. ein Flugblatt, welches sich auf Machinazjonen der zurükgedrängten Landsmannschaften gegen die neugegründete Burschenschaft bezog, und in dem es heißt: „Ich erfahre, zwar nur leise, aber von Umtrieben gegen unsere vaterländische Sache; ich höre von Verrath gegen unsere freisinnige deutsche Burschenschaft! Es ist nicht leicht möglich, diesem geheimen Unwesen auf die Spur zu


Empfohlene Zitierweise:
Oskar Panizza u. a.: Zürcher Diskußjonen. , Zürich, Paris 1897–1900, Seite 5. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Z%C3%BCrcher_Disku%C3%9Fjonen_(13%E2%80%9315)_005.jpg&oldid=- (Version vom 14.12.2025)