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diesem Vorwurf nicht freizusprechen. Sand war gesund wie das Mark des Hollunderbaums. So wie er dachten Tausende damals in Deutschland. Und diese Tausende, die zu Wort kamen, waren der Ausdruk des ganzen Volkes. Ein ungeheuer breiter, weicher Gefühlsstrom durchflutete die Herzen dieser Menschen. So etwas wie: „Seid umschlungen Millionen!“ Man hatte an der französischen Nazjon gesehen, was einerseits Temperament und wildes Verlangen, auf der andern Seite Zusammenschluß aller Kräfte zu vollbringen im Stande seien. Selbst die Engländer, die ja politisch in den ruhigsten Verhältnißen lebten, wurden mächtig ergriffen und meinten, sie müßten noch etwas Weiteres tun in der Richtung einer gesicherten Freiheit. Gar nun die Deutschen, die bei Betrachtung ihrer politischen Verhältniße von Ekel und Scham ergriffen wurden. Nachdem man gesehen, daß mit den deutschen Fürsten – mit der einen glänzenden Ausnahme des Großherzogs Karl August von Weimar – absolut nichts zu wollen, daß sie ewig Männer des 18. Jahrhunderts bleiben würden, ließ man sie liegen und schloß sich auf eigne Rechnung zusammen. Viel hoheitsvolle Kraft und inbrünstiges Verlangen gab es da; aber auch viel Verschwommenheit und Sentimentalität. Gemütswallung bleibt eben die erste und sicherste Quelle des Fortschritts. Ohne Begeisterung kann kein Volk existiren. Verstand und kühle Ueberlegung können nur ernüchtern und erkälten. Zudem lebte man damals in der Romantik. Alle die prächtigen Burschenlieder, die heute noch mit Entzüken gesungen werden, so das schöne:

„Vaterlandssöhne, traute Genoßen,
o, wie mein sehnendes Herz sich erschloßen,
seit wir geflochten den treuen Verein!
O, sei gegrüßet mein Eichenhain …“

[Follen, A. L., Freie Stimmen S. 92.]

das liebliche:

„Gott grüß’ Dich, Du, mein Maienfeld“
[ebenda Nr. 41.]

oder Karl Follen’s gewaltiges:

„Horcht auf, Ihr Fürsten! Du Volk, horch auf!“

welches in 6000 Exemplaren heimlich gedrukt und versant wurde, entstanden um jene Zeit.[1] Das „Deutschtum“ schlug damals über alle Köpfe hinweg. Aus der Vergangenheit suchte man das Beste heraus, womit man sich schmüken und was man pflegen dürfe. Man hatte Napoleon besiegt und fühlte sich jezt zum Höchsten berufen. Und die Ingredienzen der damaligen deutschen Seele lauteten: „Vaterlandsliebe, Gottesfurcht, Sitlichkeit.“ Man sieht, hier fehlen die deutschen Fürsten. Man konte damals rein nichts mit ihnen anfangen. Ueberall standen sie im Weg. Sie waren das fünfte Rad am Wagen. – Wie es nun aber


    kommen. Ich stürze deshalb allen denjenigen, die falschen Sinnes hier Anschläge machen, unsere Burschenschaft zu stürzen, die Pläne ausbrüten, hier Orden oder Landsmannschaften zu errichten, hiemit feierlich Jedem einen dummen Jungen!“ [Acten-Auszüge 175]. – Braun meint, das sei doch sicher das Zeichen von Verrüktheit [S. 296]. Durchaus nicht! Jedermann sprach damals so in diesen Kreisen. Auch Bismarck hat seiner Zeit in Göttingen seine Komilitonen nicht viel anders vom Bürgersteig hinuntergerempelt. –

  1. Nachfolgend die erste Strofe:
    Das große Lied.

    Horcht auf, ihr Fürsten! Du Volk, horch auf!
    Freiheit und Rach’ im vollen Lauf,
    Gottes Wetter ziehn blutig herauf!
    Reiß aus dem Schlummer Dich, träges Gewürme,
    Am Himmel, schau auf, in Gewitterpracht
    Hell aufgegangen Dein Todesgestirne!
         Es erwacht, es erwacht
    Tief aus der sonnenschwangeren Nacht,
    In blutsflammender Morgenwonne,
         Der Sonnen Sonne,
         Die Volkesmacht!
    Spruch des Herrn, Du bist gesprochen,
    Volksblut, Freiheitsblut, Du wirst gerochen,
    Götzendämmrung, Du bist angebrochen ……

    Dieses höchst merkwürdige Lied, welches leider zu lang ist, um hier abgedrukt zu werden, und das, wie der ganze Karl Follen, von allen königlichen Literatur-Profeßoren in allen königlichen Literaturgeschichten übergangen ist, finde ich einzig abgedrukt in: Johannes Wit, genannt von Dörring, Fragmente aus meinem Leben und meiner Zeit. Leipzig 1830. Bd. I., wo es S. 430–48 einnimmt. Nur Goedeke kent in seinem „Grundriß“ wenigstens die erste Zeile (III. 264). –

Empfohlene Zitierweise:
Oskar Panizza u. a.: Zürcher Diskußjonen. , Zürich, Paris 1897–1900, Seite 6. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Z%C3%BCrcher_Disku%C3%9Fjonen_(13%E2%80%9315)_006.jpg&oldid=- (Version vom 15.12.2025)