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bei einer so jung-gährenden Bewegung geht, es fehlt nicht an dem, was die Fisjologie falsche Gährungen nent, und an Extremen. Waren z. B. die Landsmannschaften früher durch ihr rohes Benehmen gegen die Weiblichkeit berüchtigt, so verfielen nun die Burschenschafter in’s andere Extrem, in die Scheu vor dem Weib, oder gar in die Askesis. Die Braut, das junge Mädchen, ist jezt ein Wesen, welches zwar erröten und Burschenfahnen stiken darf, aber um keinen Schritt weiter. Sie wird gemieden. Das „Liebchen“, das „Elsulein, lieb Elsulein“ hatte in der modernen deutschen Sitlichkeit keinen Plaz. Ja, der Gießener Kreis unter Karl Follen perhorreszirte sogar jeden weiblichen Umgang.

„Stolz, keusch und heilig sei,
Gläubig und deutsch und frei

Hermann’s Geschlecht …“
(Karl Follen.)

Die Lösung der Aufgabe, die den jungen Leuten in Deutschland nach seiner Ansicht zugefallen war, war so gewaltig, daß eine Ablenkung durch sinliche Befriedigung vermieden werden mußte: „Uns, als dem Tote geweihten Opfern, muß Frauenliebe fremd bleiben“ [Braun 272]. – In diesem Kreis steht nun Karl Sand[1]. –

Eine großartige Bekräftigung und Konzentrirung all’ dieser Bestrebungen und neuen Ansäze solte das bekante Wartburgfest am 17.–19. Okt. 1817 bringen. Es war ein höchst glüklicher Gedanke des Turners und Germanisten Maßmann in Berlin, die 300-jährige Gedenkfeier des Tesen-Anschlags Luther’s mit dem sowieso jedes Jahr gefeierten Gedenktage der Schlacht bei Leipzig (18. Oktober) zu verbinden, und die gemeinsame Veranstaltung dieser beiden Feste auf der Wartburg, wo Luther seiner Zeit die Bibel übersezt hatte, zu einer ersten, großen Burschen-Rewü zu benüzen. Luther’s Gedenken lebte damals überhaupt in Aller Herzen [s. Jacobi, Eichenlaub auf Luther’s Grab]. Es ist eine rührende Szene, wenn Sand mit seinen Freunden schon ein Jahr vorher, am 18. Februar 1816, in Erlangen auf dem Zimmer eines Komilitonen „bei Chokolade und Bier des großen Dr. Martin Luther’s Sterbetag und Sterbestunde (Nachts 2 Uhr) festlich begehen“, Seckendorff’s Leben Luther’s lasen, „endlich um die Sterbezeit ‚Eine feste Burg ist unser Gott‘ sangen, Luther ein rührendes Vivat brachten und dann gegen 3 Uhr nach Hause gingen“ [Tagebücher 41]. – In Jena bildete sich sofort ein Festausschuß, dem auch Sand, der mit Beginn des Wintersemesters 1817 Jena bezogen hatte, angehörte. Einladungen erhielten fast alle deutsche Universitäten. Aber, wie sich zeigte, es kamen nur die protestantischen. Und hier offenbart sich deutlich, wie die Burschenschaft in der ersten Zeit ihrer Gründung noch rein den Charakter des norddeutsch-protestantischen Tugendbundes an sich hatte. Völkerschaftlich gesprochen ist die Burschenschaft der norddeutsche Tugendbund in’s Sächsische übersezt. Der abstrakte norddeutsche Gedanke durch die weicheren Farben des Südens belebt und durch seine Lieder getragen. Von Jena aus geht die Linie zu den südlichen Universitäten, die bereits burschenschaftliche Kartelle aufwiesen, hinüber nach Erlangen, dann tief hinunter nach Tübingen und wieder hinauf nach Heidelberg.

Würzburg ist umgangen[2]. Landshut, das spätere München, hatte zwar eine Einladung erhalten, und zwar vom Ausschußmitglied Sand selbst, aber es antwortete, von den neuen Bestrebungen sei in Landshut nichts zu spüren. Es war begreiflich: Bayern hatte ja noch wenige Jahre vorher auf Seite Napoleon’s gefochten. Und die ganze Disziplin und Studien-Ordnung war ja in Landshut


  1. Es ist wol auch als fast sicher anzunehmen, daß Sand als unberührter, keuscher Jungherr starb, wie Ludwig II. Sein Stil, die ganze Art seines Auftretens, der finstere, nie beigebende Fanatismus, laßen darüber keinen Zweifel. Das Publikum hat ihm zwar nach seinem Tote ein „Liebchen“ angedichtet. Aber das Publikum empfindet eben immer weiblich. Und die Legende meint, sie muß schmüken und versöhnen. Seine Zeitgenoßen sind einig über seine absolute Sittenreinheit. Einer seiner Jugendfreunde erzählte später, er, der verlobt gewesen, wolte eines Tages sich von Sand verabschieden, um zu seiner Braut zu gehen; und fährt dann fort: „Als ich fortgehen wolte, nahm Sand mich auf den Schoos und bat mich innig: ‚Ich weiß, wohin Du wilst; ach! binde Dich doch nicht! um des Vaterlandes willen!‘ – Und ich war in der Tat geneigt, diese Bitte zu erfüllen.“ [Schmid 35.] Auch dies ist ganz im Sinne der damaligen Zeit, die den Burschenschaften „Keuschheit“ zur Pflicht machte. In der ältesten Burschenschaft wachte ein neunköpfiger Ausschuß über die Keuschheit der Mitglieder. Auch der spätere „Jünglingsverein“, der nur eine heimliche Fortsetzung der 1819 aufgelösten Burschenschaft war, ebenso die aus der Burschenschaft 1830 hervorgegangene „Arminia“, hielten am Keuschheitsprinzip fest. [Schmid, 12, 52, 54, 63–64.] – Bezeichnend ist, daß noch in späterer Zeit einzelne Burschenschaften nur dann den Duell-Zwang als gegeben erachteten, wenn die Schwester verführt worden.
  2. Bärnstein [S. 34] teilt mit, Würzburg habe zwar keine Einladung erhalten, aber Vertreter geschickt. Später zeigte Würzburg rege Teilnahme. –


Empfohlene Zitierweise:
Oskar Panizza u. a.: Zürcher Diskußjonen. , Zürich, Paris 1897–1900, Seite 7. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Z%C3%BCrcher_Disku%C3%9Fjonen_(13%E2%80%9315)_007.jpg&oldid=- (Version vom 15.12.2025)