Seite:Zürcher Diskußjonen (13–15) 008.jpg

Fertig. Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle korrekturgelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.

noch rein jesuitisch. Die Adreße der Antwort trug die Aufschrift: „A Monsieur Sand à Jene“ (sic!) [Schmid 29]. – Zirka 700 Studenten, vorwiegend aus dem Norden Deutschlands, zogen am 18. Oktober Morgens 9 Uhr teils im Turnerkostüm, teils im altdeutschen Rok mit Barett und Schläger, mit Eichenlaub geschmükt, unter Glokengeläute auf die Wartburg. Von den Jenenser Profeßoren beteiligten sich Schweitzer, Oken, Fries und Kieser, die alle dann in peinliche Untersuchung gezogen wurden. Oben waren ca. 1000 Personen versammelt. Man sang „Ein feste Burg ist unser Gott.“ Studiosus Riemann, mit dem eisernen Kreuz geschmükt, hielt die Festrede. Er begann unter Hinweisung auf Luther’s befreiende Geistestat, sprach von den trostlosen Verhältnißen Deutschlands nach dem 30-jährigen Krieg, kam dann auf den Befreiungskampf 1813–15 zu reden, und fuhr dann fort: „Das deutsche Volk hatte schöne Hoffnungen gefaßt, sie sind alle vereitelt; alles ist anders gekommen, als wir erwartet haben; viel Großes und Herrliches, was geschehen konnte und mußte, ist unterblieben; mit manchem heiligen und edlen Gefühl ist Spott und Hohn getrieben worden. Von allen Fürsten Deutschlands hat nur Einer sein gegebenes Wort gelöst, der, in deßen freiem Lande wir das heutige Fest der Völkerschlacht begehen.“ – Er forderte dann alle auf, zusammenzustehen im Geist der Wahrheit und Gerechtigkeit gegen äußere und innere Feinde, sich nicht von dem Glanz des Herrschertrones blenden zu laßen, sondern, wenn es gelte, ein starkes und freies Wort zu sprechen. Er rief Luther, Schill, Scharnhorst und Körner als Zeugen des Gelübdes auf: „Verderben und Haß der Guten allen denen, die in niedriger, schmuziger Selbstsucht das Gemeinwohl vergeßen, die lieber im Staube kriechen, als frei und kühn ihre Stimme zu erheben gegen jegliche Unbill…“ [Schneider 46]. Die Rede machte ungeheuren Eindruk. Man sang den Choral „Nun danket alle Gott!“, und dann sprach noch Profeßor Fries einige feierliche Worte, die schloßen mit: „Ein Gott, Ein deutsches Schwert, Ein deutscher Geist für Ehre und Gerechtigkeit!“ – Man sieht, auch hier fehlen wieder die deutschen Fürsten. Noch vor wenigen Jahren hatten die Mitglieder des „Tugendbundes“ erklärt, sie wolten sich „um den König schaaren“, ihre „Untertanen-Treue stehe felsenfest“, sie legten „ihre Verfaßung auf die Schwelle des Trones nieder“ [Voigt 4, 7, 9], jezt wird ausdrüklich vor dem Tron gewarnt und ihre Inhaber als Verräter bezeichnet. – Profeßor Oken forderte noch auf, es nicht bei der Rührung bewenden zu laßen, sondern zu Taten weiterzuschreiten, und einen gemeinsamen Burschenschafts-Verband zu gründen. Dann ging’s zum Mittagsmahl. Man toastete auf Luther, auf den Großherzog Karl August von Weimar, auf die Burschenschaft. Sand verteilte noch oben auf dem Burghof eine „Punctation“, wie er es nante. Er war kein guter Redner und zog daher Gedruktes oder Geschriebenes vor[1]. Dann zog man hinunter in die Stadtkirche, wohnte dem Gottesdienst bei und ging zum Abendmahl. Es war durchaus eine gottesdienstliche Feier ad hoc. Dann begab man sich zum Markt, sang Vaterlands-Lieder, und die Jenenser und Berliner Burschenschaften führten Turnspiele auf. Mit Einbruch der Dämmerung ordnete man sich zum Fakelzug auf den Wartenberg (gegenüber der Wartburg). Oben wurden die Fakeln zusammengeworfen und das Lied gesungen: „Des Volkes Sehnsucht flamt.“ Stud. phil. Rödiger aus Jena hielt hier die Festrede, die auch gedrukt wurde: „Ein deutsches Wort an Deutschland’s Burschen, gesprochen vor dem Feuer auf dem Wartenberg

bei Eisenach.“[2] Profeßor Fries hatte die Rede gelesen und ausdrüklich gebilligt. Dann schlepte


  1. Auch dieses kleine Schriftstük ist durchaus klar und einfach, und bewegt sich genau in der gehoben-feierlichen Sprache, deren sich damals Alle bedienten. Da heißt es: „Unsere jetzige Zeit ist reich an hohen Gaben und Gnaden und muß zusammengestellt werden mit jenem ausgezeichneten Zeitalter des Kampfes zur Wiederherstellung unserer Religion. Laßt uns hieraus Aufruf und Zuversicht erholen! – Heute liegt uns mehr eine wissenschaftlich-bürgerliche Umwälzung vor. Unser Wahlspruch ist: Tugend, Wißenschaft, Vaterland (es sind wörtlich die Schlagworte des „Tugendbundes“), – die Wißenschaft haben wir uns zur Braut erkohren. Laßt uns den heiligen Offenbarungen Gottes nachspüren! Schlechte Tändeleien seien uns verhaßt! Unserem Vaterland sei all’ unser Dienst geweiht! Die deutsche Sprache erstehe! Das wahre Rittertum erblühe! Das deutsche Land sei frei! – Wer sich zu diesen Ideen bekennt, sei unser geliebter Bruder. Um diese hohe Sache zu verwirklichen, muß eine allgemeine, freie Burschenschaft durch ganz Deutschland erstehen. Diese Burschenschaft muß womöglich offen vor der Welt, aber auch frei und ohne fremdes Einwirken auf sich selbst bestehen.“ u. s. w. [Acten 103–105]. –
  2. Auch diese Rede kann man als Stilprobe damaliger Zeit genau neben die Sand’sche stellen, die sie im patetischen Stil eher noch überflügelt: „Ich spreche hier zu Freunden und zu Feinden. Ein deutsches Wort tut nicht weiter schön vor Freunden. Unter den Feinden verstehe ich aber alle Widersacher der Wahrheit, alle die bösen Gewißen, die zusammenfahren vor dem schreklichen Gespenst der öffentlichen Meinung und der Geistesfreiheit. Denn die Hemmkette der Wahrheit ist noch nicht erfunden und kein Henker hat ihre Schwingen gelähmt. – Denkt an die Schande der vorigen Jahre und an die Herrlichkeit der letzten. Das deutsche Land sank unter das eiserne Joch des Zerstörers[.] Fürsten buhlten schamlos um das Verderben. Deutsche mußten jubeln, daß Deutschland sank. – In der Not versprach man uns, ein Vaterland


Empfohlene Zitierweise:
Oskar Panizza u. a.: Zürcher Diskußjonen. , Zürich, Paris 1897–1900, Seite 8. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Z%C3%BCrcher_Disku%C3%9Fjonen_(13%E2%80%9315)_008.jpg&oldid=- (Version vom 16.12.2025)