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Maßmann einen großen Korb voll Scharteken und alten Gegenständen herbei. In Anlehnung an Luther’s Verbrennung der päpstlichen Bannbulle wurden hier eine Menge den Burschenschaften besonders verhaßter Bücher und Simbole unter scherzhaften und höhnischen Reden und Pereat-Rufen den Flammen übergeben. Verbrant wurde: ein Zopf, eine Uniform, ein Exerzierstok, eine Schrift Dabelow’s „Der 13. Artikel der deutschen Bundesacte“ (es war dies jener Artikel 13, der den Bundesfürsten 1815 die Pflicht auferlegte, in allen Bundesstaaten binnen Jahresfrist landständische Verfaßungen einzuführen), eine Schrift Harl’s „Ueber die gemeinschädlichen Folgen der Vernachläßigung einer angemeßenen Polizey in Universitätsorten“, eine Schrift Janke’s „Der neuen Freiheitsprediger Constitutionsgeschrey“, Kotzebue’s „Geschichte des deutschen Reichs“, von Kamptz’ „Codex der Gensd’armerie“, eine Schrift W. Reinhard’s „Die Bundesacte über Ob, Wann und Wie deutscher Landstände“, eine Denunzjazjonsschrift des Geheimrats Schmalz in Berlin (auf die wir unten zurükkommen), eine Schrift Saul Ascher’s „Germanomanie“, zwei Dramen des zum Renegaten gewordenen und zum Katolizismus übergetretenen Zacharias Werner „Weihe der Kraft“ und „die Söhne des Thals“, ein Exemplar des Code Napoléon, eine Schrift des Dichters Immermann, in der dieser die Burschenschaften denunzirt hatte, die Statuten der „Adelskette“ (einer aristokratischen Vereinigung damaliger Zeit) und eine Menge gegnerischer Schriften und Zeitungen [Noch acht Beiträge 61–63]. Man glaubte, daß die Idee zu diesem auto-da-fe von Jahn in Berlin ausging, deßen Schüler Maßmann war. Auch Prof. Fries hatte die Liste der zu verbrennenden Gegenstände vorher durchgesehen. Wahrscheinlich hat auch der Großherzog Karl August von Weimar, mit dem die Jenenser Universitätsbehörden in vorzüglichem Verhältnis standen, darum gewußt, denn von den später, nach Sand’s Tat, geheim gedrukten „Noch acht Beiträge zur Geschichte Kotzebue’s und Sand’s“ Mühlhausen 1821, begint der 3te, „Der Studentenfrieden auf der Wartburg“ mit den Worten: „Der Vergünstigung Sr. kön. Hoh., des Durchl. Großherzogs gewiß, haben die Behörden und Bürger von Eisenach alle Anstalten getroffen, den Aufenthalt den zum heiligen Frieden (dies bezog sich auf die Vereinigung der Landsmannschaften mit den Burschenschaften in Jena) wallenden Studenten billig, bequem und angenehm zu machen...“ [Noch acht Beiträge 55]. –

Es ist begreiflich, daß dieses Sich-Aufreken der Jugend unter dem freundlichen Geschehen-Laßen ihrer Lehrer in konservativen und Hof-Kreisen großes Misfallen erwekte. Schon den „Tugendbund“, der doch gewiß an Lojalität nichts zu wünschen übrig ließ, hatte man bald nach seinem Entstehen aufgelöst aus lauter Besorgnis, es möchten sich selbständige Ideen im Volk entwikeln. Jenes furchtbare Gesez im Herzen aller Potentaten, lieber ein Land zu Grunde gehen zu sehen, als es ohne des Fürsten Inizjative oder gegen seine Einsicht zum Fortschritt gelangen zu laßen, das Verhüllen dieses unglükseligen Triebes mit konservativen Frasen und götlichen Redensarten, das Sich-Anklammern an Stiefel, Sporn und Zaumzeug, das Hinglozen auf die alten Vergoldungen, jener ganze jammervolle Geisteszustand, der nur vor den härtesten, brutalsten Tatsachen zu weichen im Stande ist, er hatte damals die deutschen Fürsten im Allgemeinen, den König Friedrich Wilhelm III. von Preußen im Besonderen ergriffen. Und von dieser Krankheit gab es zunächst keine Heilung. Das Tier hat in solchen Zuständen einen sicheren Instinkt als der Mensch. Ein Fuchs, der sich im Fuchseisen gefangen, hat soviel Resignazjon, daß er sich das Bein abnagt und mit 3½ Pfoten Freiheit und Gesundheit rettet. Aber ein Fürst wartet bis zum lezten Moment, läßt sich gegebenen Falls, wie Louis XVI., von den Häschern fahen und erschlagen, nur um die vier Pfoten zu retten. Von den freiheitlichen Ratgebern der preußischen Krone, die wirklich die Situazjon in Deutschland übersahen, war Freiherr von Stein schon seit 1815 nicht mehr beigezogen worden, und Wilhelm von Humboldt wurde 1819 abgesezt. Die konservativen Ohrenbläser bekamen die Oberhand. Fichte’s „Reden an die Deutsche Nation“ wurden verboten. Schleiermacher’s Gesangbücher und Predigten polizeilich überwacht. Hutten’s Werke, in der eben


    zu geben, ein einiges Vaterland der Gerechtigkeit, aber der theuererkaufte Bundestag ist noch nicht angebrochen und fast will es scheinen, als sei das Volk glühend erwacht, damit hochmütige Ideenlosigkeit ein Freudenmahl halte. Nur ein Fürst hat fürstlich sein Wort gelöst, allen andern ein Vorbild. Mögen ihm die andern nachkommen und bald! Denn Eins hat das deutsche Volk gewonnen, die Kraft des Selbstvertrauens, es will sich nicht wiederum in den ehrlosen Schlaf wiegen laßen. – Wer bluten darf für das Vaterland, der darf auch davon reden, wie er ihm am besten diene im Frieden, denn die Zeit ist gottlob gekommen, wo sich der Deutsche nicht mehr fürchten soll vor den Schlangenzungen der Lauscher und dem Henkerbeil der Tyrannen.“ u. s. w. [Rödiger 3, 14, 16, 17, 18]. –

Empfohlene Zitierweise:
Oskar Panizza u. a.: Zürcher Diskußjonen. , Zürich, Paris 1897–1900, Seite 9. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Z%C3%BCrcher_Disku%C3%9Fjonen_(13%E2%80%9315)_009.jpg&oldid=- (Version vom 17.12.2025)