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erschienenen neuen Ausgabe von Münch, wurden verboten, „weil man heutzutage keine solche Spott- und Schmähreden gegen den päpstlichen Stuhl ausgehen laßen könne.“ Den Vogel schoß aber ab der Geheimrat von Schmaltz, der in seiner Schrift „Berichtigung etc.“ im Jahr 1815 die Fürsten ausdrüklich vor dem in Deutschland herschenden revoluzjonären Geist warnte, den noch fortbestehenden „Tugendbund“ denunzirte und unter Anderem – zwei Jahre nach der Schlacht bei Leipzig – behauptete, der Freiheitskampf gegen Napoleon sei nicht in Folge der sogenanten Begeisterung, sondern nur durch das Pflichtgefühl des Volkes geführt worden, welches gehorsam auf den Ruf des Fürsten hin zu den Waffen gegriffen habe: „Alles eilte zu den Waffen, wie man aus ganz gewöhnlicher Bürgerpflicht zum Löschen einer Feuersbrunst beim Feuerlärm eilt.“ Dies einem Schill, einem Blücher, einem Heer, daß zum überwiegenden Teil aus Freiwilligen bestanden hatte. War es ein Wunder, wenn deutsche Studenten, die freiwillig den Feldzug mitgemacht hatten, auf der Wartburg diese bodenlose Gemeinheit den Flammen übergaben? Herr Geheimrat von Schmaltz erhielt sofort den preußischen roten Adlerorden und einen weiteren Orden vom König von Würtemberg. Niebuhr und Schleiermacher, die als Mitglieder des „Tugendbundes“ angegriffen waren, verteidigten sich in Broschüren und verlangten eine Untersuchung gegen Schmalz. Sie wurde verweigert. Der „Rheinische Mercur“ unter Görres’ Leitung verboten. In den Rheinlanden mehrere administrative Unterdrükungsmaasregeln angeordnet.[1] – Man sieht, diese ganze großdeutsche Bewegung, die damals durch ihre Beimischung von Mittelalter, Gothik, „blaue Blume“, Romantik, Tieck, Hutten, Luther etc. ursprünglich durchaus nichts Revoluzjonäres an sich hatte, war den Hern in der Regierung und am Hofe gänzlich aus den Händen geglitten. Und erst jezt wurde sie oposizjonell und dann revoluzjonär. Was Bismarck ein halbes Jahrhundert später in so meisterhafter Weise gelungen ist, das Anschwellen des deutschen Gefühls sorgfältig zu beobachten, es dann klüglich und vorsichtig zu steigern, um es im gegebenen Moment in bereit gehaltene Eisenröhren zu faßen und mit Hochdruk zu verwenden, das zerbrach den ungeschikten Händen der damaligen Machthaber, bevor sie es nur recht anfaßten. Und nun blieb den Metternichen, Wilhelms und Ludwigs in Oestreich, Preußen und Baiern freilich nichts Andres übrig, als überall Revoluzjon und Verschwörungen zu wittern. Der Sturm begann auf dem Kongreß zu Aachen im Spätherbst 1818, wo man sich über die lezten Auseinandersezungen mit dem besiegten Frankreich einigte. Dort überreicht ein junger bedeutungsloser Mensch, ein Walache, A. de Stourdza, dem rußischen Kaiser eine gedrukte Denkschrift „Mémoire sur l’état actuel de l’Allemagne“, in der der Geist auf den deutschen Universitäten den in Aachen versammelten Fürsten geradezu denunzirt wird, und die jedenfalls bestelte, rußische Arbeit war, um das zögernde Preußen vollends in die Reakzjon hineinzureißen. Es wird dort in verstekter Weise auf Luther angespielt, der für alle Zeiten in Deutschland das Signal zur Revoluzjon gegeben habe; die jüngsten Vorfälle an den Universitäten werden angedeutet mit l’émeute de Breslau, les vociférations de la Wartbourg, la défection sanglante des étudians de Goettingue, les derniers troubles religieux en Saxe; auf Weimar’s Großherzog fält ein starker Hieb, wenn von dem système dangereux gesprochen wird, qui porte les gouvernemens à ne voir dans une université que le véhicule de leurs finances (die reichen Studenten aus aller Herren Länder brachten nach dem fröhlichen, ungebundenen Jena große Geldsummen); schließlich wird Einziehung sämtlicher Privilegien und Lehrfreiheiten gefordert, insonderheit des Rechts der Fakultäten, durch eigne Wahl ihren Lehrkörper zu ergänzen, und eine allgemeine scharfe Ueberwachung des Universitäts-Treibens gefordert: cette surveillance doit, avant tout, s’exercer sur l’association séditieuse dont Jéna est le centre, et qui est connue sous le nom de Burschenschaft (p. 45). Diese Schrift eines Ausländers über Deutschlands Zustände mit Vorschriften, dieselben zu beßern, wird dem rußischen Kaiser überreicht. August von Kotzebue, der rußische Staatsrat, auf den wir bald zu sprechen kommen werden, hat die Schrift ausdrüklich in seinem „litterarischen Wochenblatt“ (Weimar 1819 Nr. 22) gelobt und verteidigt, sie eine „offizielle“, „auf höheren Befehl gedrukte“ genant. Der Schumann des Jahres 1819 wird wol den Autor selbst einigermaasen gekant haben. –


  1. Siehe für die ganze Darstellung: Flathe, Th., Das Zeitalter der Restaurazion und Reformazion. 1815–1851. Onken’sches Geschichtswerk, IV. Abtlg. 2. Teil. Berlin 1883.


Empfohlene Zitierweise:
Oskar Panizza u. a.: Zürcher Diskußjonen. , Zürich, Paris 1897–1900, Seite 10. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Z%C3%BCrcher_Disku%C3%9Fjonen_(13%E2%80%9315)_010.jpg&oldid=- (Version vom 17.12.2025)