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| Oskar Panizza u. a.: Zürcher Diskußjonen | |
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In welcher Weise damals von allen Seiten, offen und anonim gehezt und „lustig drauf los gewühlt“ wurde, mag z. B. ein Aufsaz in der „Berliner Staats-Zeitung“ vom 19. Juli 1819 zeigen, der allerdings nach dem Sand’schen Attentat geschrieben ist, aber doch die ganze Art und Weise in deutlichem Lichte zeigt. Dort heißt es: „Dem Publikum wird daran gelegen seyn, von dem Resultat der ergriffenen polizeilichen Maaßregeln unterrichtet zu sein. Die nachfolgenden Nachrichten werden diesemnach offiziell mitgeteilt. Die für die Ruhe in allen Ländern und für alle rechtliche Staatsbürger so wichtige Untersuchung der bisher in Deutschland statt gehabten demagogischen Umtriebe hat bereits sehr erhebliche Resultate geliefert. Sie bestätigt die von der Regierung bereits ermittelte Existenz einer durch mehrere deutsche Länder verzweigten Vereinigung übelgesinnter Menschen und verleiteter Jünglinge, die den Zweck hat, die gegenwartige Verfaßung Deutschlands und der einzelnen Staaten umzustürzen, und Deutschland in eine auf Einheit, Freiheit und sogenannte Volksthümlichkeit gegründete Republik umzuschaffen … Sie wollen, wenn sie hinreichend gestärkt sind, ihre Entwürfe durch offene Gewalt ausführen … ‚Revolutionen‘ gehören zu ihren Mitteln; daher behaupten sie ohne Rückhalt: ‚die Verbeßerung unseres öffentlichen Zustandes ist nur durch Stahl und Eisen zu erreichen‘; daher die rücksichtslose Aeußerung: ‚Staatskonstitutionen können nicht auf trocknem, sondern nur auf naßem Wege, jedoch nicht auf dem der Tinte, eingeführt werden‘, und: ‚Blut ist der Kitt alles Herrlichen‘; daher der Ausspruch: ‚diese große schöne Idee muß mit Blut in’s Leben gerufen werden‘ …“ u. s. w. (Nachtrag z. d. wichtigsten Lebensmomenten S. 32–34). – Es ist merkwürdig zu beobachten, wie selbst aus diesem hezerisch und tendenzjös gefärbten Artikel noch immer die ersten Spuren der späteren Bismarck’schen Fraseologie hindurchleuchten; und diejenigen seiner Verehrer, die an ihm den „demagogischen Zug“ entdekt haben, können hier für ihre Behauptung einen Beleg finden.[1]
Aber der schlimmste der damaligen Hezer war jedenfalls der schon erwähnte August von Kotzebue. Er gehörte zu jenen internazjonalen, vielgewanten, vielgereisten Geschäftsleuten, die in „Ideen“ und „Ansichten“ machen, heute hier scharwenzen und morgen dort schmeicheln, gegen reiche Generalstöchter, Landgüter, Adelsdiplome, Ruhgehalte, aber mindestens Tabatjeren, jede beliebige Ansicht vertreten und ihre jeweiligen Herrn in dem Gefühl der Gottähnlichkeit zu stärken suchen; Menschen, die man in niedriger Stellung „Gauner“, in höherer Stellung „diplomatische Geschaftsträger“ nent. Meist proteschiren sie noch irgend eine der freien Künste, oder üben selbst eine solche aus. Literarisch war Kotzebue freilich sehr begabt, das leidet keinen Zweifel. Und die charakterlose Zeit verlieh ihm sogar den Titel eines „großen, deutschen Dichters“. Er hatte sich schon durch sein Buch „Bahrdt mit der eisernen Stirne“, worin er dem viele schwache Außenseiten darbietenden Freigeist und Schwärmer Dr. Bahrdt mit gänzlich erfundenen, schmuzigen Anekdoten zu vernichten suchte, schwer geschadet; nicht ganz so sehr durch die Schrift selbst, die immer noch in den Ramen literarischer Klopffechterei und persönlicher Rankünen, wenn auch schlimster Sorte, unterzubringen war, als, weil er, eine Entdekung fürchtend, einen seiner Bekanten veranlaßt hatte, sich eidlich als Verfaßer der Schrift zu bekennen, bis er, vor der gerichtlichen Verfolgung in’s Ausland flüchtend, von seiner
Brodgeberin, der rußischen Monarchin, Katharina II., veranlaßt wurde, sich als Verfaßer zu bekennen.[2]
- ↑ Uebrigens lange schon vor dem Sand’schen Attentat wurde von Preußen aus gehezt. Am 31. Oktober 1817 erschien in Berlin eine eigens für diesen Zwek geschaffene, nur dieses einemal ausgegebene Beilage zum „Beobachter an der Spree“, der „Brandenburgische Erzähler“, der in einem langen lügenhaften Bericht über das Wartburgfest u. A. erzahlte, es sei daselbst unter Vorsiz von Prof. Oken und in Anwesenheit von Delegirten der deutschen Universitäten die „Akte der heiligen Allianz“ verbrant worden, d. i. jenes von Alexander I. von Rußland mit dem österreich. und preuß. Monarchen aufgestellten Traktats zur gegenseitigen Sicherung des territorjalen, religiösen und sitlichen status quo im Abendland; das klang also ungefähr so, als brächte heute eine Zeitung die Notiz, sagen wir: sozjalistische Studenten hätten auf einem internazjonalen Kongreß die „Versailler Verträge“ verbrant. – Nichts zeigt deutlicher als diese natürlich von der preußischen Regierung ausgegangene lügenhafte Notiz, wie die großdeutsche, im eigentlichsten Sinn lebensfähige und nazjonale Bewegung, die auf preußischem Boden als „Tugendbund“ entstanden, nunmehr vollständig den ungeschikten Berliner Händen entglitten war, und unter Begünstigung des Weimaraner Fürsten in Mitteldeutschland sich zu neuen Trieben entfaltete.
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August Wilhelm von Schlegel schrieb damals in seiner satirischen „Ehrenpforte und Triumphbogen für den
Theaterpräsidenten von Kotzebue“ (Jena 1800).
„Im Bahrdt warst Du bemüht, den niedern Haufen
mit Zoten und Pasquillen zu erkaufen:
O Schand und Spott,
Du Sanscülott!
Drauf schreibst Du, noch gebrandmarkt von dem Tadel,
ein Buch für den durch Dich vermehrten Adel.
Verwegne Tat,
Aristokrat!“
Oskar Panizza u. a.: Zürcher Diskußjonen. , Zürich, Paris 1897–1900, Seite 11. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Z%C3%BCrcher_Disku%C3%9Fjonen_(13%E2%80%9315)_011.jpg&oldid=- (Version vom 18.12.2025)