Seite:Zürcher Diskußjonen (13–15) 014.jpg
| Oskar Panizza u. a.: Zürcher Diskußjonen | |
|
|
übergenug[1]. – Die treibende Kraft des Ganzen war der Dr. jur. Karl Follen, der „eingefleischte Teufel“, wie ihn die Gegner nanten, ein imponirender Geist, sitlich absolut intakt, wie Sand, kühl bis an’s Herz hinan, ein abstrakter Kopf wie Bruno Bauer, Hegel, Stirner, Ruge und alle die Andern, daneben ein vorzüglicher Vertreter jener aus dem einsamen Denken wachsenden Unerbitlichkeit, wie sie der chattisch-fränkische Volksstamm als Charakteristikum darbietet. Ueberhaupt hatten die Gießener im Gegensaz zu den herzlichen, fröhlichen Jenensern etwas Finsteres, Brütendes. Zu dem Bund gehörten noch Profeßor Karl Welcker in Heidelberg (Jurist), Profeßor Fries (Filosof, ebenda, später in Jena), Advokat Rühl in Darmstadt, Kriminal-Richter Snell, Advokat Stahl, viele Studenten, darunter Sartorius, Gründler, und eine Menge geheim bleibender „Freunde“ oder „Brüder“ in Freiburg, Heidelberg, Frankfurt, Homburg, Kiel, Jena, Berlin, darunter ganz einfache Leute, wie der Bäker Kahl in Darmstadt. Es sind zum Teil die Leute der obenerwähnten sog. „Wetterauischen Gesellschaft“. Die Statuten waren, soweit sie wenigstens die burschenschaftlich gefärbte Studenten-Verbindung betrafen, durchaus nicht geheim, sondern lagen dem akademischen Senat vor. Eine auf eine Denunzjazjon der sich zurükgedrängt fühlenden Landsmannschaften hin erfolgte Untersuchung durch den akademischen Senat ergab wenig Belastendes, und das heßische Ministerium pflichtete in einer Verfügung vom 14. März 1817 der Universitäts-Behörde im Wesentlichen bei (Rocholz S. 8–9).
Im Herbst 1818 ging Dr. Karl Follen nach Jena und habiltirte sich dort als Privatdozent. Er traf dort mit Profeßor Fries und Karl Sand zusammen. Es begannen nun auch dort die wißenschaftlichen Lese-Vereine. Auch hier erwies sich Follen als ein starker Geist, der die Andern anzog und sie unterjochte. Man hat immer gemeint, Sand wäre eigentlich erst an Follen zum Propagandisten herangereift und kann dies heute noch in den meisten Büchern lesen. Das ist ganz unrichtig. Sand stand durchaus auf eigenen Füßen. Unter dem 5. Mai 1818 findet sich in seinem Tagebuch die Notiz: „Wenn ich sinne, so denke ich oft, es solte doch Einer mutig über sich nehmen, dem Kotzebue, oder sonst einem solchen Landesveräther, das Schwert in’s Gekröse zu stoßen“ [Sand, Tagebücher S. 151]. Erst ein halbes Jahr später, im Herbst 1818, lernte er Follen kennen. Schon im Jahr 1812 entwich der 17-jährige Gimnasjast aus Hof, wo Napoleon mit dem Heere durchzog, weil er der Versuchung nicht widerstehen zu können glaubte, ein Attentat auf den „Erzfeind seines Vaterlandes“ zu wagen [Acten 94], was bekantlich wenige Jahre vorher dem Erfurter Pfarrerssohn Friedrich Staps in Schönbrunn misglükt war. Weit mehr hatte ein anderer junger Mann, der studiosus Kaiser, ein junger Hegeljaner, in Erlangen Einfluß auf ihn gewonnen. Sand’s
Tagebücher, hrsg. von Weßelhöft, bezeichnen ihn nur mit K., Roholz [S. 18] nent ihn aber mit vollem
- ↑ Freilich hatte der später wegen Hochverrats zu 10 Jahren Festung verurteilte, dichterisch hochbegabte Adolf Follen in seinen
„Freie Stimmen frischer Jugend“ u. A. gesungen:
„Schalle, Du Freiheitssang!
Feig bebt der Knechte Schwarm,
uns schlägt das Herz so warm,
uns zukt der Jünglingsarm
voll Tatenlust.“und dann noch kräftiger:
„Freiheitsmeßer gezükt!
Hurrah, den Dolch in die Kehle gedrükt!
Mit Kronen und Bändern,
mit Purpurgewändern
zum Rachealtar ist das Opfer geschmükt!“Aber merkwürdiger Weise hat gerade Sand an diesen Strofen sich nicht begeistert (sie erschienen im Jahre seiner Mordtat); denn in seinem Gepäk fanden sich Körner’s Gedichte, und dort doppelt unterstrichen die Stellen:
„Was soll das ew’ge Zaudern?
Hier hilft nur rasche Tat,
die kraftvoll ohne Schaudern
das Schlangenhaupt zertrat.“und dann:
„Das höchste Heil, das lezte liegt im Schwerte,
drük Dir den Speer in’s treue Herz hinein,
der Freiheit eine Gaße …“ –Man könte die beiden Gedicht-Pare miteinander vertauschen, es würde nicht viel geändert werden. Was jeder Dichter meint, ist seine Sache; und was jeder Leser meint, ist wiederum seine Sache. Jeder Vogel baut eben sein Nest aus dem Streu, welches er findet; und Jeder sucht sich die poetischen Zitate als ideale Grundlage für sein Handeln, die ihm gefallen.
Oskar Panizza u. a.: Zürcher Diskußjonen. , Zürich, Paris 1897–1900, Seite 14. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Z%C3%BCrcher_Disku%C3%9Fjonen_(13%E2%80%9315)_014.jpg&oldid=- (Version vom 19.12.2025)