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| Oskar Panizza u. a.: Zürcher Diskußjonen | |
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Namen. Man kann hier sehen, wie merkwürdig sich Menschen oft beeinflußen. Weniger tief eindringende Beurteiler unserer geschichtlichen Episode meinten immer, der reine, gottgläubige Sand könne nur durch einen frevelhaften Lehrer des Tirannenmordes zu seiner Tat veranlaßt worden sein, und, da er später einen solchen Propagandisten, Follen, kennen lernte, müße er es gewesen sein. Das pure Gegenteil! Sand war, wie die Stelle vom 5. Mai 1818 überklar zeigt, von Haus aus ein innerlich kochender, explosibler Tatenmensch. Was ihn immer noch zurükhielt, war sein Zweifel über die an sich sitliche Berechtigung seiner Tat, sein Kampf mit Dem, was er seinen „Gott“ nante. Sein positiver Kirchenglaube, der in einer stark pietistisch gefärbten Familientradizjon wurzelte (man lese den innigen Briefwechsel mit der Mutter in den „Tagebüchern“), war schon durch die Lektüre von Herder und die ganze razjonalistische Schule stark in’s Wanken gekommen – „es ist jezt aus mit der Betschwester“ [Tagebücher 147], „die Vernunft soll mir die höchste Richtschnur sein“ [ebenda 149], „frisch, frei, fröhlich und fromm wolltest Du uns haben, großer Lehrer der ganzen Menschheit, Jesus“ [ebenda 150] – nun komt ein junger Adept der neuesten Schule, und zeigt ihm, wie man überhaupt mit dem Begriff „Gott“ manipuliren könne und müße. Dieser Kaiser war ein rein spekulativ-filosofischer Kopf von fast grazjösem Können. Zu einer Tat hätte er sich wahrscheinlich nie entschloßen – im Gegenteil, als Follen mit seinen propagandistischen Ideen nach Jena kam, sagt er sich ausdrüklich von dem wißenschaftlichen Lese-Verein der Fries, Follen, Sand etc. daselbst los [Roholz 18] – aber die Heranbildung, die Disziplinirung des Geistes zu irgend welchem Ideen-Komplex verstand er treflich vorzubereiten. Er war eben ein reiner Dialektiker wie Hegel auch. Er hatte die Hegel’sche Idee vom absoluten Ich weitergesponnen und mit jugendlicher Elastizität in’s Fantastisch-Abstrakte gehoben. Sand geriet an diesem Neuling in die heftigsten Zukungen. Er erkent ihn wol als den größeren Meister. Es beginnt ein heftiger Widerstreit. Täglich widerlegt er ihn in seinem Tagebuch. Bis er plözlich in seinen Nezen zukte. Und erst jezt entschließt er sich zum Höchsten. Man höre! Kaiser vertritt die Idee, der reine Geist habe Nichts mit der Natur zu schaffen, die Natur sei immer etwas Verächtliches, Hemmendes, Böses, man brauche auf sie, Gemüt, Verstand, Vernunft, Freiheit, keine Rüksicht zu nehmen, der reine Geist schwinge sich klar und frei in die höchste Höhe, vereinige sich mit dem Unendlichen, seze sich als Gott. In dem filosofischen Exposé, das Kaiser dem Sand überreichte, heißt es: „Ich sehe nicht ein, weßhalb der Geist zu seinem Leben der Form des Endlichen bedürfe, das heißt, warum außer Gott, das heißt der Seligkeit der Geister, noch etwas Anderes sei; mir erscheint der Inhalt und der Zwek der sogenanten Natur und des menschlichen Lebens leer und völlig gehaltlos; ich kann daher nicht für die bloße Verbeßerung des menschlichen Zustandes thätig sein, sondern muß meine ganze Kraft auf die Vernichtung der Natur und des menschlichen Lebens verwenden, dadurch ich die Idee der Geisterseligkeit, des wahren geistigen Lebens in mir zu entwickeln habe ……“ [Tagebücher 165–166]. – Der Kundige fühlt, welche Gefahr in diesen Darlegungen für ein explosibles Gemüt schlummert. Sand staunte vor diesen Säzen, die, nebenbei gesagt, Hegelisch vollständig korrekt waren. Er bekämpft sie auf Tot und Leben. Am 22. August schreibt er in sein Tagebuch: „Gott, heute lebte ich mit Kaiser und seinem Aufsaz zusammen. Ich bewundere, was ich keinem Menschen thue, seinen freien, tüchtigen Geist, der – was soll er noch mit dem Körper? – Ich werde hineingeführt auf’s neue und ärger und ärger; ich kenne mich als Feigling – nur Du, o Gott, kannst mir zum Klaren helfen“ [ebenda 167]. Aber schon am 10. Oktober schreibt er in Jüterbock auf der Ferienreise in sein Buch: „…… unsere ganze Menschenbildung und unsere Seelen- und Thatenwelt kann nie mehr sein und werden, als ein Morgengrauen, das Dämmern vor Sonnenaufgang. Die ewige Sonne geht uns erst im Himmel auf“ [S. 163]. Da ist doch schon der Kaiser’sche Gedanke von der Verächtlichkeit der Natur in’s Teologische übersezt. Im Spätherbst 1818 trift er wieder mit Kaiser in Jena zu Beginn des Wintersemesters zusammen. Er schreibt in sein Buch vom 20. Oktober: „Kaiser kam am Abend zu mir, war gesund, edel und frei, wie je, klar und fest, unerschütterlich, einig in seinen Gedanken. Er erzählte mir, wie er jezt völlig entschieden sei; seine Idee, den Geist aufzufaßen, entwikle sich immer heller in ihm; er sei entschieden, sie auszusprechen, sie zu handhaben, sein Werk zu vollenden. Muthig müße von den Seelen der Himmel erstürmt werden. Vor dem Geiste müße aller Schmutz der Sünde, aller Unterschied,
Oskar Panizza u. a.: Zürcher Diskußjonen. , Zürich, Paris 1897–1900, Seite 15. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Z%C3%BCrcher_Disku%C3%9Fjonen_(13%E2%80%9315)_015.jpg&oldid=- (Version vom 19.12.2025)