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| Oskar Panizza u. a.: Zürcher Diskußjonen | |
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was das Böse sei, völlig als leeres Trugbild sinken, und Menschheit, Erde und Himmelsgebäude wolle er stürzen. …… So klar, so erhaben, in mächtiger Ruhe sprach er das Alles, wie ich ihn nie sah; ich verlor alles Gefühl der Unheimlichkeit; ich wurde als freier Bruder zu ihm hingezogen. Gott helfe!“ (S. 168–169). Man sieht, wie der Teologe dem Filosofen allmälich unterliegt. Er meint zwar immer noch, er habe seinen Standpunkt vor Kaiser gerettet, aber was soll es heißen, wenn er am 4. Dezember 1818 u. A. schreibt: „O der gewaltigen Stunden, da ich gebrochen in meiner bisherigen Geisterwelt, da ich mich entscheide, unbedingt meinem Volk zu leben, da ich 1000 Fäden löse und zerreiße, die mich hielten, den Opfertod für’s Vaterland zu sterben. Ich entscheide mich mit meinem Willen unbedingt, o ewiger, heiliger Gott für dein Reich, die Freiheit“ [S. 172–173]. Den koloßalen Subjektivismus Kaiser’s hat er sich zu eigen gemacht, aber er übersezt ihn in’s Teologische. Am 5. Dezember 1818: „Alle Gnade verwerfe ich, die ich mir nicht selbst erwerben muß; der Gnaden Gottes will ich nur die Eine, die mit dem Sezen unseres Wesens erschöpft ist, die somit nie wiederkehren kann – [er identifizirt also genau wie Kaiser sein inneres Leben mit Gott; nur drükt er sich teologisch aus]. – Ich entsage dem schlaffen Glauben an ein augenblickliches Hervorgreifen der Hand Gottes hinter den Tapeten in das Spiel der Natur- und Menschenwelt, je mehr sich auf der andern Seite mein eigenes Gemüth hinaufsteigern will; meine Seele soll diese unmittelbaren Berührungen mit Dir, o Gott, nie verkennen ……“ [S. 173]. Man sieht, von der Teologie kam er nicht los. Das grandjose Beispiel Kaiser’s steht fortwährend vor seiner Seele. Es gelingt ihm, sein eigenes brennendes Gefühl mit „Gott“ zu identifiziren, seine Seele zu ihm „hinaufzusteigern“. Aber weiter kann er nicht. Den außerweltlichen Gott ließ er nicht los. Er war eben kein Denker. Er war Empfindungsmensch und Muskel-Mensch. Und so war auch seine Vorstellung von Gott etwas Muskuläres, etwas Körperliches, etwas Außerweltliches. Dieser Kaiser war ein reiner Denker, ein gewanter Kopf, ein Prästidigitatör im Denken; er prüfte Gedanken auf ihre ideele Verwertbarkeit, für die Sistembildung, wie Hegel. Sand erwog Gedanken nur im Hinblik auf die Tat, auf die Ausführbarkeit, „seinem Volke zu leben“, „Opfer zu bringen“. Sah er ein Hindernis, wolte er es nicht dialektisch überwinden, sondern mit fisischer Gewalt. – Hegel wäre im nahen Nürnberg, wo er noch als Rektor Schulhefte korrigirte, erschroken, hätte er diese beiden jungen Experimentatoren, von denen der Eine den Himmel, der Andere die Erde aufwühlte, bei der Arbeit gesehen, und hätte er erfahren, was diese Beiden aus seiner „absoluten Idee“ gemacht haben, er, der wenige Jahre später mit dem gleichen Sistem die Stüze des preußischen Staates bilden solte. Auch hier gilt eben das, was wir oben bei anderer Gelegenheit gesagt haben: Jeder Filosof filosofirt was er kann, und die Zeitgenoßen und Schüler lesen aus dieser Filosofie heraus, was ihnen beliebt. – Am 31. Dezember 1818 schreibt noch Sand: „So begehe ich den lezten Tag dieses Jahres in ernster, feierlicher Stimmung, und bin gefaßt, der lezte Christtag wird gewesen sein, den ich eben gefeiert habe. Soll es etwas werden mit unserem Streben, soll die Sache der Menschheit aufkommen in unserem Vaterlande, soll in dieser wichtigen Zeit nicht Alles wieder vergeßen werden, und die Begeisterung wieder auflohen im Lande, so muß der Schlechte, der Verräther und Verführer der Jugend, A. v. K., nieder, – dieß habe ich erkannt. O Gott, dich habe ich noch immer im Gefühl und in der Erkenntniß, so sehr ich auch freier über Dich denken lernte. In mir liegt Alles. Im Gebiete meines Willens liegt Alles ……“ [S. 174]. – Hier bricht das Tagebuch ab. Erst jezt, d. h. mit Beginn des Wintersemesters 1818, könte von einem Einfluß Follen’s die Rede sein. Aber man sieht ja aus dem Vorausgegangenen deutlich, in welcher Richtung Kaiser auf ihn gewirkt hatte, und wie Sand schon Ende Oktober fix und fertig war. Das Einzige, was man sagen könte, ist, daß Follen kein konträrer, sondern ein adjuwatorischer Faktor in der allerlezten Entwiklung Sand’s gewesen ist. Der Name Follen’s selbst komt in den Tagebüchern dieses ehrlichsten Selbstbekenners nicht ein einzigesmal vor. –
Und jezt zog er wolvorbereitet, mit einem Dolch und einem kleinen Schwert bewaffnet, Körners’s „Leier und Schwert“ in der Brusttasche, mit 30 Talern Reisegeld, die er sich von Follen entlehnt hatte, unter den heißesten Fleh-Gebeten an Gott, und nachdem er einen ergreifenden Abschieds-Brief an seine Eltern gerichtet hatte, von Jena [März 1819] aus, um das von dem Haße ganz
Oskar Panizza u. a.: Zürcher Diskußjonen. , Zürich, Paris 1897–1900, Seite 16. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Z%C3%BCrcher_Disku%C3%9Fjonen_(13%E2%80%9315)_016.jpg&oldid=- (Version vom 23.12.2025)