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| Oskar Panizza u. a.: Zürcher Diskußjonen | |
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Deutschlands verfolgte Opfer einzuholen[1]. – Er war ein gedrungen-gebauter Bursch mit schwarzen langen Haaren, die in altdeutscher Manier auf die Schultern herabfielen, großer Stirne, breitem Gesicht, braunen Augen, deren Blik „nicht geistreich“, aber „offen und freundlich“, die ganze Fisionomie „mehr gutmütig als vorzüglich intereßant“ [Acten 93]. Er gehörte also nicht zu jenen idealistischen Lang-Schädlern, die wir vorzugsweise bei Denkern antreffen (Schiller, Moltke, Friedrich der
- ↑ Dieser Brief ist doch so merkwürdig und nach vielen Seiten so beweiskräftig, besonders auch nach der Seite, daß wir es in Sand nimmermehr mit einem leicht-beweglichen, Follen’s starkem aber logisch gearteten Geist unterlegenen, jungen Mann zu tun haben, sondern mit einem gemütstiefen, nur aus der eigenen Innerlichkeit schöpfenden, hochpatriotischen, glühenden und fanatischen Jüngling, der, auch in seinem teologischen Gebahren, vielfach an den jungen Luther erinnert, daß wir einige der charakteristischsten Stellen hier wiedergeben wollen: „Jena, Anfang März 1819. Treue, ewig theure Seelen! Warum Euch den Schmerz noch lange mehren? dachte ich und schwankte, Euch über dieses zu schreiben. Zwar möchte, wenn Ihr die Nachricht von dem Geschehenen mit einmal erführet, der herbe Gram leichter und schneller vorübergehen; doch die Liebestreue wäre dadurch verletzt, und ganz gebrochen kann dieser Schmerz nur dadurch werden, daß wir den ganzen Kelch von Wermuth rein ausleeren. Also heraus aus der umschloßnen Brust, hervor du lange große Qual der letzten Rede, die, aufrichtiger Art, einzig den Abschiedsschmerz versüßen kann. – Euch bringt dies Blatt des Sohns, des Bruders letzten Gruß zurück. Gesagt, gewünscht habe ich immer viel, es ist an der Zeit, daß ich die Träumereien laße und die Noth unseres Vaterlandes drängt mich zum Handeln. – Dies ist ohnstreitig der höchste Jammer in diesem Erdenleben, das für uns der entehrendste Schimpf, wenn all’ das Schöne, das von Tausenden kühn erstrebt wurde, und wofür sich Tausende kühn geopfert haben, als Traumbild ohne bleibende Folge nun in trübem Mismuth wieder erschlaffen, wenn die Reformation des alten Lebens jetzt auf halbem Wege verknöchern sollte – unsre Enkel würden diese Trägheit zu bejammern haben. Der Anfang zur Erneuerung unseres deutschen Lebens wurde in den letzten 20 Jahren, besonders in der heiligen Zeit 1813, mit getrostem Mute begonnen; das väterliche Haus ist von Grund aus erschüttert; vorwärts, laßt es uns wieder aufführen, neu und schön, recht einen Tempel, wie ihn unsre Herzen ersehnen! Nur wenige stemmen sich als ein Damm gegen den Strom der Entwickelung des höhern Menschlichen im deutschen Volke, warum beugen sich ganze Schaaren nieder unter das Joch dieser Argen, soll uns das erst erwachte Heil wieder ersterben? Viele der ruchlosesten Verführer treiben ungehindert mit uns ihr Spiel bis auf’s völlige Verderben unseres Volkes hin … [er spricht nun in der offensten Weise fast leichtsinnig von seinem Opfer und seinem Vorhaben] … Er ist unter ihnen der feinste und boshafteste, das wahre Sprechwerkzeug für alles Schlechte in unserer Zeit, und seine Stimme ist recht geeignet, uns Deutschen allen Trotz und Bitterkeit gegen die ungerechtesten Anmaßungen zu benehmen und uns einzuwiegen in den alten feigen Schlummer. Er treibt täglich argen Verrath am Vaterland, und steht dann, geschützt durch seine heuchlerischen Reden und Schmeichlerkünste, trotz seiner Schlechtigkeit da als ein Abgott für die Hälfte Deutschland’s, die von ihm geblendet gerne das Gift einnimmt … Soll nicht das größte Unglück über uns kommen, soll die Geschichte unsrer Tage nicht mit ewiger Schmach behaftet sein, so muß er nieder! – Ich spreche immer: soll etwas Heilbringendes werden, so laßt uns Kämpfe und Mühe nicht scheuen; die rechte Freiheit des deutschen Volkes erwächst uns nur dann, wenn von Braven gewettet und gewagt wird, wenn der Sohn des Vaterlandes in dem Streit für Recht und für die höchsten Guter mit Hintansetzung alles Lieben nur den Tod liebt. Wer soll, da es sein muß, auf diesen erbärmlichen Wicht, auf diesen bestochenen Verräther losgehen? In Angst und bitteren Thränen zum Höchsten gewendet, warte ich schon eine geraume Zeit auf einen, der mir zuvorkommen und mich, nicht zum Morde geschaffen, ablöse, der mich erlöse aus meinem Schmerz und mich laße auf der freundlichen Bahn, die ich mir erwählt habe. Es zeigt sich Keiner, und es hat auch jeder so gut wie ich das Recht, auf einen Andern zu warten. Zögerung macht unsern Zustand immer schlimmer und erbärmlicher und wer soll uns von der Schande befreien, wenn er ungestraft den deutschen Boden verlaßen, seine durch Verrath gewonnenen Schätze verzehren wird? Wer soll helfen, retten aus dieser unseligen Lage, wenn nicht Jeder, und in meinem Gebiete zunächst ich, den Beruf fühlt, Gerechtigkeit zu verwalten und zu handhaben, was für’s theure Vaterland geschaffen werden soll? Also nur muthig daran! Auf ihn will ich getrosten Muthes losgehen, ihn den Schänder und Verführer unserer Brüder, den grausen Verräther niederstoßen, daß er aufhöre, uns in die Hände der arglistigen Feinde zu geben. Dazu treibt mich ernste Pflicht; seit ich erkannt habe, welch’ Hohes in dieser Zeit für unser Volk zu erstreben ist, und seit ich ihn kenne, den falschen, feigen Schurken, ist dies für mich, wie für jeden Deutschen, der das Wohl des Ganzen beachtet, ein strenges Muß geworden. – Möchte ich alle Regen und Gemeinsinnigen darauf hinverweisen, wo Falschheit und Gewalt droht, und bei Zeiten die Furcht Aller und die rüstige Jugend gegen die rechte Spitze kehren, um das gemeinsame Vaterland, Deutschland, den immer noch unwürdigen Staatenbund, aus der nahen Gefahr zu retten. Möchte ich Schrecken über die Bösen und Feigen, Muth über die Guten verbreiten! – Schriften und Reden wirken nicht, nur die That kann jetzt einen; möchte ich wenigstens einen Brand schleudern in die jetzige Schlaffheit, und die Flamme des Volksgefühls, das schöne Streben für die Sache der Menschheit, das seit 1813 unter uns lodert, unterhalten und mehren helfen; so wären alle meine höchsten und letzten Wünsche erreicht. Deshalb bin ich, obgleich aufgescheucht aus allen schönen Träumen für ein künftiges Leben, doch auch ruhig und voll Zuversicht, ja selig, seit ich durch Nacht und Tod mir die Bahn vorgezeichnet weiß, meinem Vaterland heimzuzahlen, was ich ihm schulde. – So lebet wohl, ihr treuen Seelen, es fällt die schnelle Trennung schwer und Euere Erwartungen, wie meine Wünsche sind wohl getäuscht; doch mag das Eine vorbereitet haben und trösten, was die Noth des Vaterlandes erheischt, zuerst von uns selbst zu erlangen, was sich bei mir zum unverbrüchlichsten Grundsatz eingelebt hat … [er suponirt die Vorwürfe der Eltern, die ihn unter so großen Opfern hätten erziehen laßen:] … In die Wißenschaften ließet Ihr mich einführen, in freier Geistesbeschäftigung habe ich gelebt, habe in die Geschichte geschaut und bin wieder zurückgekehrt in mein eigenes Gemüth, um durch freie Forschung des Verstandes mir über mich selbst und die Größe meiner Umgebungen klar zu werden. Ich habe die Wißenschaften in gewöhnlicher Ordnung nach Kräften betrieben, wurde in den Stand gesetzt, das Gebiet unsers menschlichen Wißens zu überschauen und habe mich wieder ausgesprochen darüber mit Freunden und Männern, habe das Land bereist, Menschen und ihr Getriebe kennen gelernt … Aber sollte mich dies Alles abhalten, der nahen Gefahr des Vaterlandes selbst abzuwehren? Muß mich Eure unsägliche Liebe nicht gerade anfeuern, den Tod einzusetzen für das gemeinsame Wohl und unser Aller Streben? Ob ich Eure Liebe erkenne oder dagegen leichtfertig wäre? Glaubt’s nicht! Was sollte mich ausrüsten zum Tode, wenn nicht gerade jene Liebe zu Euch und dem Vaterland, die mich treibt, sie Euch zu beweisen? … [Er suponirt den Vorwurf der Mutter: in der Jugend habe sie ihn gepflegt, jetzt, wo sie selbst der Pflege bedürfe, gehe er von hinnen:] … Theure Mutter, mochte nicht auch die Pflegerin eines andern so klagen, wenn er für das Vaterland hinginge? und wenn es keiner thun wollte, wo bliebe das Vaterland? Gewiß aber, Du klagest nicht und erkennst dergleichen Rede nicht, edle Frau! Schon einmal habe ich Deinen Ruf vernommen [er spielt auf den Feldzug von 1815 an], und wenn mein Land jetzt hereintreten wollte für die deutsche Sache, so würdest Du auch diesmal zum Kampfe mich fortschicken … Verlaßen auf dem einsamen Weg, den ich wandeln soll, habe ich keine Aussicht, als auf den ewigen Vater; in Ihm faße ich aber auch Muth und Stärke, die letzte Bangigkeit zu überwinden und meine ernste That zu vollführen … Gebet selbst den Harm auf, und achtet nicht so sehr meinen Thränenguß, als vielmehr auf die Liebe, die zwischen uns besteht und nie untergehen wird. Dann aber stehet weiter mit dem Vaterlande und führet Eure Kleinen [er spricht von den jüngeren Geschwistern], denen ich so gerne ein leitender Freund geworden wäre, baldigst hinaus auf die gewaltigen Berge, und laßet sie dort auf dem erhabenen Altar, in Mitte des Vaterlandes sich weihen und gelübden, nie ruhen und vom Schwerte laßen zu wollen, bis die Brüder in Freiheit geeinigt, bis alle Deutsche, wie das Eine Volk, so auch in Einem Reiche freier
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Oskar Panizza u. a.: Zürcher Diskußjonen. , Zürich, Paris 1897–1900, Seite 17. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Z%C3%BCrcher_Disku%C3%9Fjonen_(13%E2%80%9315)_017.jpg&oldid=- (Version vom 21.12.2025)
Oskar Panizza u. a.: Zürcher Diskußjonen. , Zürich, Paris 1897–1900, Seite 17. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Z%C3%BCrcher_Disku%C3%9Fjonen_(13%E2%80%9315)_017.jpg&oldid=- (Version vom 21.12.2025)